Selbstbestimmung : Auch die Autonomie hat Grenzen

Beschneidung, Selbstmord, Inzest: Die Selbstbestimmung ist nicht das höchste aller Güter. Wenn sich der moderne Mensch ausschließlich als selbstbestimmt definiert, leugnet er, dass er Mitglied eines Gemeinwesens ist, dessen Normen sich nicht allein aus der Vernunft ableiten.

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Geht es bei der Beschneidung nur um Selbstbestimmung? Foto: dpa-pa
Geht es bei der Beschneidung nur um Selbstbestimmung?Foto: dpa-pa

Der moderne Mensch ist selbstbestimmt. Sein Wille ist autonom. Abhängigkeit und Fremdbestimmung lehnt er ab. Er hat den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen (Immanuel Kant). Verhaltensnormierende Fesseln gesellschaftlicher Prägungen wie Herkunft, Tradition, Religion oder Kultur kann er sprengen. Der moderne Mensch ist frei. Seine Freiheit endet erst da, wo sie die Freiheit anderer einschränkt.

So jedenfalls begreift sich der moderne Mensch. Begreift er sich richtig? Antje Vollmer hat das Konzept der Selbstbestimmung etwas abschätzig einmal „zeitgeistig“ genannt, andere bezeichnen es gar als „Fetisch“. Wie brüchig das Konzept ist, hat zuletzt die Diskussion über Beschneidungen gezeigt. Plötzlich war das elterliche Recht auf Religionsfreiheit gewichtiger als das kindliche Recht auf körperliche Unversehrtheit. Das musste all jene empören, die das Ideal der Selbstbestimmung verabsolutieren. Eindeutig wird der beschnittene Säugling fremdbestimmt. Und ist nicht Fremdbestimmung immer abzulehnen?

Ein anderes Beispiel. Es gibt keinen Zwang zum Leben. Wer freiverantwortlich die Entscheidung trifft, sich umzubringen, sollte das – jedenfalls gemäß der Selbstbestimmungsmaxime – tun dürfen. Ein Urteil darüber, was richtige oder falsche Motive sind, steht Außenstehenden nicht zu. Der Suizident hat ein Recht auf seine Tat. Das gilt sowohl für unheilbar Kranke als auch für Verlassene mit Liebeskummer. Zur vollen Selbstbestimmung gehört, dass man auch unvernünftige Entscheidungen treffen kann.

Beide Beispiele zeigen: Wer die Selbstbestimmung als höchstes Gut nicht mehr in Beziehung setzt zu anderen Werten, sie nicht abwägt und womöglich auch unterordnet, geht auf Konfrontation zu vielen Halt stiftenden Traditionen. Entwicklungspsychologisch sind es vor allem junge Erwachsene – parteipolitisch gesprochen: Grüne, Piraten –, die die Gültigkeit gegenwärtiger Normen bezweifeln.

Was spricht gegen Polygamie? Was gegen Inzest? Was gegen den Selbstmord? Was gegen das öffentliche Kopulieren? Die Legitimation viele dieser Tabus kommt ohne Rückgriff auf moralische Setzungen und die Akzeptanz kultureller Prägungen nicht aus. Das aber sind heteronome Kategorien.

Martin Heidegger hat den Begriff des „Geworfenseins“ geprägt. Menschen existieren nicht im luftleeren Raum, sondern finden sich in einer von ihnen nicht selbst gewählten und gemachten Welt immer schon in bestimmten sozialen und moralischen Strukturen vor. Demnach sind Normen nicht nur etwas, was sich Menschen autonom geben, sondern auch etwas, wohinein sie aufwachsen. Ein gewisses Maß an Heteronomie ist für jeden konstitutiv. Das hat nichts zu tun mit passiver Hingabe an ein vermeintliches Schicksal.

Wenn sich der moderne Mensch ausschließlich als selbstbestimmt definiert, leugnet er jene unabänderliche Heteronomie, die ihn als Mitglied eines Gemeinwesens prägt, das historisch gewachsen ist und dessen Normen sich nicht allein aus der Vernunft ableiten. Autonomie ist ein Ideal, Heteronomie eine Realität. Ein Narr, wer nur eine der beiden Seiten sieht.

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