Sexismusdebatte : "Mein Patriarchat ist besser als deins"

Die Pakistani Hani Yousuf hat knapp zwei Jahre lang in Berlin gelebt. Nun ist sie vor den "aufdringlichen Berliner Männern" geflohen - denn in Pakistan habe sie als Frau mehr Aufstiegsmöglichkeiten. Und weniger Angst vor Sexismus und Rassismus.

Hani Yousuf
Autorin Hani Yousuf: "In Berlin knietief in Sexismus und Rassismus"
Autorin Hani Yousuf: "In Berlin knietief in Sexismus und Rassismus"Foto: Hani Yousuf

Ich scherze oft darüber, wie ich Berlin verließ, weil mir „mein“ pakistanisches Patriarchat besser gefalle als das der aufdringlichen Berliner Männer. Aber das ist eigentlich nur halb im Scherz gemeint. Ich bin gegangen, weil der Sexismus verletzend war und an Belästigung grenzte. Und ich ging, weil jeder meinte, ich müsste das doch aus Pakistan gewohnt sein. Egal, wie ich also Frauenfeindlichkeit in Deutschland erleben würde, es wäre ja wohl immer noch besser als in Pakistan!

Ich ging in meine Heimatstadt Karachi zurück, um für „Associated Reporters Abroad“ zu arbeiten, eine Nachrichtenagentur, die ihren Sitz eigentlich in Berlin hat. Anderthalb Jahre steckte ich in Berlin knietief in Sexismus und Rassismus – dann bin ich im August letzten Jahres in meine Heimatstadt Karachi zurückgezogen. Ja, ich nenne die Dinge beim Namen: Auch wenn das nicht zur populären Meinung passt, fühle ich mich als Journalistin in Pakistan sehr viel wohler als in Berlin.

Natürlich habe ich hier in Karachi zunächst Heimvorteile: Ich kenne die Kultur besser und kann die Gesellschaft besser einschätzen. Auch gehöre ich zur oberen Mittelschicht Pakistans und habe gewisse Privilegien, die andere Frauen in meinem Land nicht haben. Aber sie wie auch ich profitieren gemeinsam von einer Haltung, die es in Deutschland nicht gibt: „Lihaz“. „Lihaz“ ist zwar ein sehr patriarchalisches Konzept, aber es steht für Respekt gegenüber Frauen. Es ist ein Konzept, das Unterdrückung beinhaltet, aber doch hat es mich immer vor all solchen aufdringlichen Annäherungen geschützt, wie ich sie in Berlin erfuhr. Man kann es mit dem Konzept der „political correctness“ aus den Vereinigten Staaten vergleichen. Auch dort fühlte ich mich sicher vor sexistischen oder rassistischen Kommentaren.  

Ich kam als junge Journalistin nach Berlin und arbeitete zuerst im Auslandsressort der Zeitung „Die Welt“. Ich war überrascht, warum so wenige Frauen die Büros bevölkerten und warum es so wenige zu mehr brachten als zu niederen Redakteurinnen. Ich bloggte also über den Erfolg von „Newsline“, wo ich einst meine Karriere startete. „Newsline“ wurde von Frauen gegründet und erhält Auszeichnungen für seine guten Recherchen. Ich schrieb, „Die Welt“ könne das auch schaffen, mit mehr Frauen in der Redaktion. Der Chefredakteur war nicht begeistert.

Am nächsten Morgen sagte er süffisant, ich sei wohl die „privilegierte Frau“ im Land der Millionen unterdrückten Frauen. Mich hatte das damals amüsiert, dass mich der „weiße Mann“ privilegiert nannte. Wahrscheinlich habe ich wohl etwas, was er nie haben wird, antwortete ich im Scherz: den Exotische-Frau-Bonus. Aber dieser „Exotische-Frau-Bonus“ hat mich gegenüber unangebrachten Anmachen mehr als nur verwundbar gemacht.

Es gab da eine Szene, als ich sagte, ich versuche, auf ein Gala-Event zu kommen. Ein Kollege antwortete prompt, es gäbe da einen – deutlich älteren Herren – der mich sicher sehr gerne mitnehmen würden, auch wenn er normalerweise Blondinen bevorzugt.

Ein anderer Kollege begegnete mir einst außerhalb des Büros. Ich trug ein Sommerkleid, kombiniert mit einem Schal über meinen Schultern. Als ich ihm erzählte, dass ich zum Amt müsse, um mein Visum zu erneuern, meinte er: „Wenn du deinen Schal ein bisschen die Schulter runterrutschen lässt, dürfte es nicht allzu schwer werden.“ Er entschuldigte sich zwar augenblicklich und ich verzieh ihm. Allein, es war ja nicht nur dieses eine Mal.

Natürlich gab es auch ein paar Kollegen bei der „Welt“, die mir beipflichteten. Der Auslandschef setzte sich für mich ein und verteidigte mich, als die Redaktion einen Text von mir wollte, in dem ich beschreiben sollte, wie es sei, in einem „sich immer mehr islamisierenden Pakistan“ zu leben. Er pflichtete mir auch bei, dass im Haus zu wenig Frauen arbeiten.

Aber immer, wenn ich anderen Freunden von meinen Erfahrungen erzählte, sagten sie – und auch ich bildete mir das ein –, dass so was ja immer und überall passiere. Nicht nur hier in Berlin. Aber es war nirgends auf der Welt so wie in Berlin.

Als ambitionierte Frau gefällt es mir, interessante Leute kennenzulernen. Ich mache das: einfach aus dem Blauen heraus fremde Menschen kontaktieren, um sie zu treffen. Nach meiner Zeit bei Axel Springer zum Beispiel fuhr ich nach London und schrieb wahllos E-Mails an einige Journalisten dort. Ich fragte nach Treffen oder Interviews. Alle luden mich problemlos ein, hatten Interesse an meiner Arbeit und am gemeinsamen Austausch. Nicht so, wie ich es bei meinen Berliner Kollegen erlebt hatte.

Ich dachte mir, vielleicht liegt es ja nur an mir. Kleide ich mich falsch? Will mir nur jemand Komplimente machen? Meine Freunde sagten dann, die „Welt“ sei doch zu weit rechts, um auch nur irgendwas anderes zu können, als sexistisch und rassistisch zu sein. Mag sein, aber ich erfuhr Sexismus von Männern wie Frauen – und von jedem Rand des politischen Spektrums. Ich erinnere mich auch an den „linken“ Kollegen, der immer spät abends Meetings mit mir aufsetzte. Als ich irgendwann auf einen 15-Uhr-Termin bestand, hörte ich nie wieder von ihm.

Also ging ich fort aus Berlin. In der deutschen Gesellschaft weiter für Frauenrechte einzustehen - ich hatte mich in Berlin für ProQuote engagiert - war für mich zu nervenaufreibend. Und ich denke auch, es gibt wichtigere Dinge, die ich in meiner Heimat anstoßen kann.

Es tut mir gut, dass ich nun hier in Pakistan ernst genommen werde mit meinen Anliegen. Und dass ich nicht ständig mit Vorurteilen umgehen muss. Nur eines ist hier in Pakistan genauso wie in Deutschland: Wenn ich vom Sexismus erzähle, der mir in Berlin begegnete, sind meine Zuhörer genauso überrascht wie die deutschen.

Hani Yousuf arbeitet als Journalistin in Karachi. Sie leitet das Südasienbüro für Associated Reporters Abroad und beschäftigt sich vor allem mit Migrations- und Frauenthemen. Yousuf hat den Blog This Karachi Life gegründet und twittert unter @haniyousuf sowie @thiskarachilife. Hier können Sie den Artikel auf der englischen Seite von tagesspiegel.de lesen.

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