Sibylle Lewitscharoffs Skandalrede : Affekt und Vernunft

Es ging Sibylle Lewitscharoff gar nicht um Dichtung. Sondern um Wahrheit und Unwahrheit im realen Leben. Lewitscharoffs Rede im Dresdner Staatsschauspiel erregte dennoch nicht ohne Grund Anstoß.

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Sibylle Lewitscharoff
Sibylle LewitscharoffFoto: Imago

Das Wort „Skandal“ geht manchen sehr schnell über die Lippen. Es droht dann auch, inflationär zu werden und bedeutungsleer. Aber was die Schriftstellerin und Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff jüngst im Dresdner Staatsschauspiel gesagt hat, erregt Anstoß. Nicht ohne Grund.

Lewitscharoff hat von der „wissenschaftlichen Bestimmung über Geburt und Tod“ gesprochen. Und hat am Ende ihrer 14 Druckseiten langen Rede die moderne Reproduktionsmedizin „abartig“ genannt und die durch künstliche Befruchtung entstandenen Kinder „Halbwesen“: nur „zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas“. Die „Lebensborn“-Praktiken der Nazis, jene von der SS betriebenen germanischen Zuchtanstalten, wollten ihr da als vergleichsweise „harmlos“ erscheinen.

Aus einem zunächst seriösen, von christlichem Fundamentalismus und – Lewitscharoff stammt aus Stuttgart-Degerloch – von schwäbischem Pietismus getragenen Vortrag über das eigene Erleben von Gott und Tod und Teufel wurde so: barer Unsinn. Das taugt zum Skandal?

Es ist skandalös. Weil jemand, dem die Macht der Sprache und der vielfach preisgekrönten Repräsentanz gegeben ist, Menschen in ihrer absoluten Menschenwürde für sich und zugleich höchst öffentlich in Frage stellt. Von allen anderen Analogien (bis hin zum „biblischen Onanieverbot“) hier ganz zu schweigen.

Nun hat sich die Autorin einerseits für den Satz über die „Halbwesen“ entschuldigt, andererseits reklamiert: „Das wird man doch (noch) sagen dürfen.“ Natürlich, dafür gibt es die Gedanken- und Meinungsfreiheit. Doch muss man sich hernach über die Entrüstung nicht wundern. Auch die Entschuldigung im Frühstücksfernsehen wirkt erst einmal nur taktisch. Oder überflüssig. Denn Lewitscharoff hatte in ihrer Rede zu dem Affekt gegen retortengezeugte Kinder ausdrücklich eingeräumt, dass ihre „Abscheu in solchen Fällen stärker ist als die Vernunft“.

Das immerhin verweist auf einen möglichen Unterschied zwischen Äußerungen von Dichtern und denen von Politikern oder Publizisten à la Thilo Sarrazin oder der Ex-Moderatorin Eva Herman. Tatsächlich ist alle Kunst auch Ausdruck eines tieferen Widerstreits zwischen den emotionalen, triebhaften, vor-vernünftigen Abgründen und dem Licht des aufgeklärten Verstandes. Nietzsche nannte es das Gegeneinander von Dionysischem und Apollinischem, Freud sah jedes Subjekt gefangen zwischen unterbewusstem Es und besserwisserischem Über-Ich. Dostojewski sprach vom Kampf mit seinen inneren Dämonen – die komplexer wirken, als es sich die Verfechter einer Political Correctness je träumen lassen.

Deshalb können Dichter, Komponisten oder bildende Künstler bei politischen Äußerungen (oder im privaten Leben) krausköpfig oder grässlich erscheinen und in ihren Werken überwirklich groß. Die Reihe reicht da von Wagner bis Stockhausen, von Hamsun und Céline bis zu, sagen wir: Walser, Handke, Grass. Auch wird man Lewis Carroll, dem Schöpfer von „Alice im Wunderland“, oder Vladimir Nabokov, dem Autor der „Lolita“, nicht gerecht, wenn man sie allein im Licht etwa der aktuellen Pädophilie-Debatte betrachtet.

Eine Gedankenpolizei jetzt in den Romanen von Sibylle Lewitscharoff fahnden zu lassen, wäre darum absurd. Oder insinuierend. Aber in Dresden ging es gar nicht um Dichtung. Sondern um Wahrheit und Unwahrheit im realen Leben. Da wäre die Poetin eine Philosophin geblieben, wenn sie geschwiegen hätte.

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