Meinung : Sollen Kirchen zu Moscheen werden dürfen?

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„Einst Kirche, bald Moschee“ vom 26. Februar

Die Aufregung, die die Umwidmung einer ehemals christlichen Kirche in eine Moschee verursacht, kann ich nicht recht verstehen. Wenn christliche Glaubensgemeinden schrumpfen, wenn ihre Gotteshäuser leer stehen, was soll mit ihnen geschehen? Ist es nicht das Allerbeste, was einer leeren Kirche passieren kann, dass in ihr wieder gebetet wird? Und glauben wir nicht – Christen wie Muslime und Juden an den einen Gott? Auf welche Weise diese Gebete an Gott gerichtet werden, ist dann doch zweitrangig.

Und ich erinnere an die wohl berühmteste „Umwidmung“ einer christlichen Kirche in eine Moschee: die Hagia Sophia in Istanbul. Tausend Jahre war sie die christliche Hauptkirche Konstantinopels, bis sie nach der türkischen Eroberung Konstantinopels 1453 als Moschee genutzt wurde. Die Muslime haben sie nicht zerstört, haben die Mosaikbilder von Jesus, Maria, Seraphimen, erhalten. Im Gegensatz hierzu betrachten wir die Mezquita in Cordoba – hier haben die Christen mitten in den Gebetsraum der einmalig schönen Moschee eine Kathedrale hineingebrochen – eine kulturhistorische Schande!

Die Geschichte zeigt viele Beispiele, wo Christen und Muslime sich Kirchen oder Moscheen friedlich teilten.

Dr. Martina Schmidt-Olufsen, Berlin

In Hamburg wird es wohl so kommen, dass die vor zehn Jahren entwidmete Kapernaum-Kirche zur Moschee umgebaut wird. Wünschenswert ist dies m. E. nicht. Selbstverständlich haben Religionsgemeinschaften in unserer Gesellschaft das Recht, sakrale Gebäude zu bauen und zu nutzen, um ihre Religion individuell und gemeinschaftlich zu praktizieren.

Die Umwidmung einer Kirche in eine Moschee ist gleichwohl umstritten. Sie wird als symbolischer Akt angesehen. Symbolische Akte können nicht abstrahiert werden von den spannungsvollen Beziehungen zwischen Christentum und Islam. Umwidmungen von sakralen Gebäuden legen das Missverständnis nahe, dass eine Religion die andere beerben könnte. Wie problematisch ein Beerbungsdenken sein kann, wissen die christlichen Kirchen durch eine Jahrhunderte lang unhinterfragt vollzogene Verhältnisbestimmung zum Judentum, die herabsetzend und diskriminierend war. Ein anderes unrühmliches Beispiel für ein solches Denken ist die Verfolgung der Bahai-Religion in islamischen Staaten.

Die Umwidmung einer christlichen Kirche in eine Moschee muss als symbolischer Akt auch im Blick auf diejenigen Menschen bedacht werden, für die die frühere Kirche eine spirituelle Heimat war, ein Ort der Begegnung mit Gott, mit dem Nächsten und mit den eigenen Fragen nach Sinn, Wahrheit und Gerechtigkeit. Auch wenn nach evangelischem Verständnis ein Kirchenbau an sich keine Heiligkeit besitzt, muss das kirchliche Handeln rücksichtsvoll sein gegenüber denen, die die Umwidmung ihrer Kirche als öffentlichen Rückzug empfinden.

Christentum und Islam können fraglos unter gemeinsamen Aspekten betrachtet werden. Religiöser Glaube hat immer eine konkrete Gestalt in Ritus, Gebet, Lehre und Ethik. Sakralbauten gehören zu den sichtbaren Zeichen gelebter Religion. In der Außenperspektive scheint es einzuleuchten, wenn gesagt wird: Hauptsache, es wird in diesen Räumen weiter gebetet. Wo Religionen sich begegnen, treffen jedoch immer auch unterschiedliche Welt- und Selbstdeutungen aufeinander. Religionen sind mit Wahrheits- und Endgültigkeitsansprüchen verbunden. Für das Christentum und den Islam gilt dies gleichermaßen. Keine Religion hält sich selbst für austauschbar, auch wenn sie nicht auf Exklusion, sondern Inklusion zielt. Der gemeinsame Glaube an den einen Gott hebt die Differenzen im Glaubens- und Gottesverständnis nicht auf.

In der Geschichte von Christentum und Islam hat es fraglos Beispiele für ein respektvolles und friedliches Zusammenleben gegeben. Eine gemeinsame Nutzung von sakralen Gebäuden stellt allerdings die Ausnahme dar. Auch die genannten Beispiele sind mit wechselseitigen Verletzungen verbunden gewesen. Die Eroberung Konstantinopels durch Mehmet II. 1453 war das Ende des frei gelebten Christentums in der Region. Der Umbau der Hagia Sophia demonstrierte den Überlegenheitsanspruch des Islam. Dass sie später (1931) in ein Museum umgewandelt wurde, hängt mit der laizistischen Religionspolitik Kemal Atatürks zusammen. Heute wird in der türkischen Öffentlichkeit über Pläne nachgedacht, die Hagia Sophia wieder zur Moschee zurückzubauen. Die Mezquita von Cordoba wurde vom 8. bis 10. Jahrhundert von muslimischen Herrschern auf dem Boden einer ehemaligen christlichen Basilika erbaut. Die nach der Reconquista auf diesem Gelände erbaute christliche Kathedrale ist kein Beispiel für Respekt gegenüber der Religion des Anderen.

Umbau und „Umwidmung“ von Sakralbauten sind in Geschichte und Gegenwart strittige Themen, die Menschen emotional berühren und verletzen. Es geht dabei um die Wahrung geschichtlich gewachsener und gelebter religiöser Identitäten. Der interreligiöse Dialog, der heute im politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext mit Recht einen besonderen Stellenwert bekommen hat, wird durch Umwidmungen von Kirchen in Moscheen eher belastet als gefördert.

— Dr. Reinhard Hempelmann, Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin

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