Sperrstunde für Berlin? : Die wunderschöne Maßlosigkeit der Nacht

Am Wochenende forderte unsere Autorin Julia Prosinger eine Sperrstunde für die Hauptstadt. Berlin und Sperrstunde - das passt gar nicht zusammen, findet dagegen Inga Höltmann. Und damit hat auch der Fernsehturm etwas zu tun.

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Der Berliner Fernsehturm. Oder doch eher eine riesige Diskokugel?
Der Berliner Fernsehturm. Oder doch eher eine riesige Diskokugel?Foto: dpa

Das letzte, was Berlin braucht, ist eine Sperrstunde. Es gibt genug Orte in Deutschland, in denen man Ruhe finden kann, wenn man das möchte. Auf irgend einer Alm. In einer lähmenden Kleinstadt wie Lüneburg. Oder in Schöneweide. Warum sollten wir eine Insel von Extase wegordnen, wegregulieren wollen, anstatt sie von ganzem Herzen zu genießen?

Ich genieße es tatsächlich, dass ich in dieser Stadt selbst entscheiden kann, wann meine Nacht endet. Oh, manchmal gehe ich durchaus schon um Mitternacht nach Hause. Das ist dann meine Entscheidung. Aber wenn ich morgens um sechs aus einer Bar geworfen werde, weil der Barkeeper endlich ins Bett will – dann weiß ich, wohin ich gehen kann, wenn ich noch nicht möchte, dass diese Nacht ein Ende hat. Nirgendwo in diesem Land kann man sich vor der Nacht derart verneigen, wie man das in der Hauptstadt kann.

Sonnenschein ist etwas Schönes, der Markt am Sonntag hier bei mir um die Ecke bestimmt auch (ich weiß es nicht, ich habe es noch nie dorthin geschafft) – aber die Schönheit der Nacht muss man erfahren haben. Die Schönheit einer Berliner Nacht, in all ihrer Unerbittlichkeit und Schamlosigkeit. Vernünftig sein, mal halblang machen, das ist nicht Berlin. Halblang kann man woanders machen.

Clubtüren
Der Berliner Blogger Marcus Werner hat tagsüber die Türen bekannter Clubs fotografiert. Hier das Berghain...Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Marcus Werner
04.07.2011 16:38Der Berliner Blogger Marcus Werner hat tagsüber die Türen bekannter Clubs fotografiert. Hier das Berghain...

Ich schreibe diese Zeilen, nachdem eine Nacht hinter mir liegt, in der ich zuerst in zwei verschiedenen Bars war und die ich anschließend in einem elektronischen Club fortgesetzt habe. Wie sollte man so ein Programm bis ein Uhr Nachts oder gar bis 22 Uhr absolvieren? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Sicher, das ist maßlos. Aber in welcher Stadt kann man die wunderschöne Maßlosigkeit der Nacht so ausgiebig zelebrieren wie in Berlin? Wie könnte eine Stadt mit der Wucht Berlins nicht maßlos sein? Wollen wir wirklich eine Sperrstunde für eine Stadt, deren Wahrzeichen, der Fernsehturm, aussieht wie eine überdimensionale Diskokugel?

Das ist der Reiz dieser Stadt: Ihr unendliches Versprechen des Möglichen. Es gibt nichts in dieser Stadt, was es nicht gibt. In Berlin geht alles, aber nichts muss. Deshalb bietet es so viel Raum für all die unterschiedlichen Menschen mit ihren verschiedenen Lebensentwürfen. Diese Vielfalt sollten wir erhalten, denn Berlin ist so attraktiv, weil es Freiräume schenkt.

Berlin wartet Samstag Abend nicht auf einen unhörbaren Startschuss für sein ach-so-spätes Nachtleben. Diese Stadt wartet nicht, sie holt Luft. Und sie hat einen langen Atem. Sie schenkt einem nichts, ihr Nachtleben ist herausfordernd.

Hier gibt es Clubs in irgendwelchen Hinterhöfen, in die man nur kommt, wenn man durch eine Kellerluke klettert. Realität, Rauchverbot? Irgendwo da draußen in der Welt mit dem Sonnenschein. Nicht hier drinnen. Hier ist nur Musik. Und Freiheit. Die erst dann endet, wenn ich das möchte. Oder wenn ich müde bin. Wenn ich der Meinung bin: Es ist wieder Zeit für den Alltag.

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