Meinung : Stammesbewusstsein

Die Massaker in Südsudan zeigen, wie dünn die demokratische Decke in Afrika noch ist.

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Groß war die Hoffnung, als der Südsudan im Juli 2011 nach einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg mit mehr als zwei Millionen Toten seine Unabhängigkeit vom arabisch geprägten Norden erlangte. Vor allem diejenigen, die gerne den Westen und dessen einst willkürlich gezogenen Kolonialgrenzen für Afrikas viele Missstände verantwortlich machten, glaubten, dass der religiöse und ethnische Zwist nun ein Ende haben werde.

Doch spätestens seit dem Mitte Dezember ganz offen ausgebrochenen Machtkampf zwischen Präsident Salva Kiir, einem Vertreter der Volksgruppe der Dinka, und seinem Stellvertreter Riek Machar, der dem kleineren Stamm der Nuer angehört, ist dieser Traum wohl endgültig ausgeträumt. Erneut zeigt in einem afrikanischen Land die stets nur notdürftig verhüllte Fratze des Tribalismus ihr hässliches Gesicht. Gut zwei Jahre nach der Unabhängigkeit ist die anfangs mühsam übertünchte Feindschaft zwischen den Stämmen der Dinka und Nuer nun brutal ausgebrochen: Im Zentrum steht der ethnisch gemischte Gliedstaat Jonglei und dessen größte Stadt Bor, in der die Nuer-Rebellen angeblich Hunderte von Dinka massakriert haben sollen. Zuvor waren bei einem Massaker in einem Polizeiposten der südsudanesischen Hauptstadt Juba rund 250 Nuer von Dinka erschossen worden.

Sicher ist, dass sowohl die Dinka als auch die Nuer Grausamkeiten begangen haben – und die Zahl der Opfer womöglich sogar in die Tausende geht. Alle Vermittlungsbemühungen sind bislang erfolglos verpufft. Gegenwärtig wird vor allem um die Ölfelder im Norden des Landes gekämpft. Die Gefahr, dass die gerade erst wieder angelaufene Ölproduktion abermals versiegt, beunruhigt die Regierung im benachbarten Sudan.

Der Südsudan ist ein weiterer blutiger Konfliktherd in einer extrem gewalttätigen Region. In ihrem Zentrum liegt seit Jahren der unruhige Ostkongo. Gleich nebenan in der Zentralafrikanischen Republik herrschen seit Monaten Bürgerkrieg und Anarchie. Mittlerweile versuchen französische Truppen dort, genau wie zuvor in Mali, den kompletten Kollaps eines afrikanischen Landes zu verhindern.

Mit den Stammeskämpfen in Südsudan, einem Liebling der internationalen Gebergemeinde, hat Afrikas vermeintliche Annäherung an demokratischere Verhältnisse einen herben Rückschlag erlitten. Auch hier haben archaische politische Strukturen, gepaart mit der unverfrorenen Selbstbedienungsmentalität der Eliten, dazu geführt, dass nun ein weiterer Staat nur noch durch das Eingreifen der internationalen Gemeinschaft vor dem Zerfall bewahrt werden kann.

Schon aus Enttäuschung über ihre fortgesetzte Verarmung bleiben viele Afrikaner einem Stammesdenken verhaftet und kennen keine stärkere Loyalität gegenüber der neu geschaffenen Nation. Die Ereignisse im Südsudan zeigen, wie dünn die demokratische Decke in vielen Ländern Afrikas noch immer ist – und wie schwer es dem Kontinent fallen dürfte, wirtschaftlich in die Fußstapfen von Asien und Lateinamerika zu treten.

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