Meinung : Stellung geräumt

Die Bundeswehr-Reform ist ein Erfolg – weil sie vernünftig ist.

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Zu den wenigen vorläufigen Erfolgsgeschichten, die sich die schwarz- gelbe Koalition zum Ende dieses Jahres auf ihr ansonsten kaum gedecktes Konto buchen kann, gehört die Reform der Bundeswehr. Das ist erstaunlich, weil es kaum jemand erwartet hätte. Als Karl-Theodor zu Guttenberg die Union mit dem Aus für die Wehrpflicht überrumpelte, rechneten alle Maßgeblichen mit schwierigen Debatten. Als Thomas de Maizière daran ging, aus den lückenhaften Vorarbeiten des Vorgängers ein halbwegs stimmiges Konzept zu entwerfen, wünschten ihm alle Maßgeblichen viel Glück.

Sie zogen dabei ein Gesicht, wie es beim Aufbruch von Seenotrettern in den Orkan üblich sein dürfte. Aber die Reform ist auf dem Weg. Der wird hier und da noch holprig werden, manches wird sich als Sackgasse erweisen, die künftige Berufsarmee wird den Wettbewerb um geeignete Bewerber immer neu bestehen müssen. Trotzdem redet niemand davon, dass hier sehenden Auges ein Irrweg beschritten würde.

Niemand? Nun, einige schon. Das Ende der Wehrpflicht zählt – neben dem Ende der Atomkraft und dem absehbaren Ende der Hauptschule – zu den Sünden wider den hergebrachten Christdemokratismus, den irritierte CDU- Mitglieder ihrer Parteichefin ankreiden. Interessanterweise richtet sich diese Kritik aber nicht gegen die Reform, sondern nur dagegen, dass es sie gibt. Die Klagenden beklagen den Verlust einer Gewissheit und die Aufgabe einer parteipolitischen Front: So lange haben sie die Barrikade gegen Linke, Langhaarige und andere Vaterlandsverweigerer verteidigt – und jetzt räumt die eigene Heeresleitung die Stellung! Die konkrete Reform aber kritisiert keiner. Selbst um die massiven Standortschließungen ist es erstaunlich ruhig geblieben.

Dass das so ist, hat sicher mit den handelnden Personen zu tun. Guttenberg war seinerzeit zu sehr Hoffnungsträger, als dass ihm jemand widersprechen mochte. De Maizière ist ein viel zu ernsthafter Politiker, als dass ihm jemand Halbheiten unterstellen würde.

Aber es gibt hinter alledem noch eine zweite Ebene, eine halb fachliche, halb gesellschaftliche. Im Grunde war die Wehrpflicht-Armee schon ein Anachronismus, bevor Guttenberg sie infrage stellte. Wer die Kurven der Demografie lesen kann – was ja keine große Kunst ist –, wusste seit langem, dass der alten Bundeswehr der Nachschub ausgehen würde. Die Geschichte der Auslandseinsätze ist eine Geschichte der Professionalisierung. Als Vorzug der Wehrpflicht blieb zuletzt ein Paradox, die kostengünstige Nachwuchsgewinnung – für die Profi-Laufbahn.

Wenn aber eine Institution sachlich nicht mehr gut begründbar ist, können ihre historisch-gesellschaftlichen Existenzgründe die Lücke nicht füllen. Zumal da die Sorge, dass eine Berufsarmee zum Staat im Staate wird, nach sechs Jahrzehnten Demokratie nicht mehr plausibel wirkt. Die Reform der Bundeswehr war schlicht fällig. Insgeheim wissen das sogar die Kritiker. Darum klagen sie übers Prinzip: An der Sache gibt es einfach zu wenig auszusetzen.

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