Straßenbeleuchtung : Ästhetik geht vor

Berlin ersetzt die Gaslaternen durch elektrische Straßenbeleuchtung. Das ist günstiger und gut für die Umwelt. Unser Autor will die alten Laternen trotzdem behalten. Barbaren hatten die Sachlogik schon immer auf ihrer Seite, meint er.

Jens Jessen
Romantik pur. Das Licht der Gaslaterne schmeichelt dem nächtlichen Flaneur.
Romantik pur. Das Licht der Gaslaterne schmeichelt dem nächtlichen Flaneur.Foto: p-a

Barbaren haben immer die Sachlogik auf ihrer Seite. Der Berliner Senat hat beschlossen, die überkommenen Gaslaternen der Stadt sukzessive durch elektrische Lampen zu ersetzen – weil ihre Wartung weniger koste, weil auch Strom billiger sei als Gas, weil schließlich die Energieausbeute und also die Ökobilanz besser seien. Das Geld und die Umwelt, das sind die harten Argumente für die Politiker unserer Tage; mit Ästhetik, Tradition oder gar sentimentalen Werten kann man ihnen nicht kommen.

Das sanfte Gaslicht, das sich in der Dämmerung mit feinem Sirren einschaltet und im Betrieb von jenem leisen Zischen begleitet wird, das in der Literatur des 19. Jahrhunderts so oft beschrieben wurde, ist der letzte Ausweis der untergegangenen Metropolenkultur Europas. Muss man Berliner sein, um sein Verschwinden als Schaden für das Stadtbild, als Heimatverlust, als letzte brutale Modernisierung im Geiste einer technokratischen Zukunft zu empfinden?

Schneeflocken, wenn sie im Gaslicht tanzen, verwandeln sich in goldenen Sternenstaub, Regentropfen bekommen einen Kometenschweif. Und die banalen Fassaden, denen Krieg und Nachkrieg den Schmuck geraubt haben, gewinnen noch einmal die Illusion von Pilastern, steinernen Girlanden und Karyatiden. Als Kind konnte man sich den Spaß machen, mit dem Fuß gegen den Laternenmast zu treten; die Erschütterung löschte die Flamme. Es war etwas Verletzliches und Lebendiges um das Gaslicht, das dem nächtlichen Flaneur das Gefühl gab, er sei nicht allein.

Das Barbarische an dem Technokratenbeschluss besteht in der Meinung, es gehe im Leben um Funktionalität allein. Im öffentlichen wie im privaten Leben geht es aber nicht darum, dass alles so perfekt und billig, so wartungsarm und schadstofffrei wie möglich funktioniert. Ein solches Leben ist kein menschliches Leben. Der Mensch selbst ist nicht perfekt, nicht billig, nicht wartungsarm und auch nicht schadstofffrei – und seine Stadt muss es auch nicht sein. Die Stadt muss ihm Heimat geben, und dazu gehört, dass sie nicht tüchtiger auftritt als er selbst. Sie soll ihn nicht übertrumpfen.

Und wenn der Zufall es will, dass eine untüchtige Technik von gestern noch existiert, die dem Menschen schmeichelt, anstatt ihn zu demütigen, dann muss dieser Zufall als historischer Glücksfall erhalten werden. Sollen doch die Politiker an ihrer eigenen Wartungsarmut und Schadstofffreiheit arbeiten – aber ihre Technokratenfinger von unserem guten alten, untüchtigen Berlin lassen!

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