Streitfall Straßenbeleuchtung : Knipst die Gaslaternen aus!

„Totaler Lichterkrieg“, verzerrte Fakten: Wo um die Zukunft der Straßenleuchten gestritten wird, gehen einige Freunde des Althergebrachten in die Irre. Ihre Argumente gegen elektrisches Licht sind rasch entkräftet. Doch zugegeben: Wenn das später gut aussieht, ist das auch ein Verdienst der Gaslichtfans.

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Stephan Völker hat eine historische Aufsatzleuchte mit LED-Lampen versehen. Der Unterschied zum Gaslicht sei nicht erkennbar, sagt er. Manche sehen das anders.Alle Bilder anzeigen
Foto: Thilo Rückeis
10.11.2012 20:09Stephan Völker hat eine historische Aufsatzleuchte mit LED-Lampen versehen. Der Unterschied zum Gaslicht sei nicht erkennbar, sagt...

Im Rückblick wird dieses Wochenende vielleicht erhellend gewesen sein, wahrscheinlich aber eher verwirrend. Am Freitagabend lud der Staatssekretär Christian Gaebler nach Kreuzberg, um die Vorzüge elektrisch betriebener Gaslaternenimitate zu preisen. Und an diesem Sonnabend wollen die Freunde des Originals in Charlottenburg per Menschenkette für dessen Bewahrung demonstrieren. Die Lage ist unübersichtlich in dieser Debatte, in der Wattzahlen gegen Wohlfühlfaktoren aufgerechnet werden und Kelvin gegen Kilowatt. Und über allem schwingt der Peitschenmast, der nicht mit Aufsatz-, Hänge- und Modellleuchte zu verwechseln ist.

Ich persönlich mag Gaslaternen. So wie ich auch Dampfloks mag. Ich mag das Technikmuseum in Kreuzberg und das Gaslaternenmuseum in Tiergarten. Aber wenn ich verreise, steige ich gänzlich ohne Wut in den ICE. Und wenn ich in Berlin bin, laufe ich tatsächlich ohne Abscheu auch unter elektrischen Straßenlaternen entlang.

Zu der Menschenkette hat der Verein Gaslicht-Kultur aufgerufen, dem im weitesten Sinne kultur- und traditionsbewusste Menschen angehören. Außerdem will sich der Verein Pro Gaslicht beteiligen, der ein Mitteilungsblatt namens „Zündfunke“ herausgibt, das offenbar auf Kurzschlusshandlungen beruht. Lesepröbchen gefällig? Voilà: „Der Kahlschlag in Berlin lässt schlimme optische Verwüstungen übrig“ … „Gaslaternen-Massaker“ … „Blitzkrieg“ … „Der totale Lichterkrieg“ … „Betonriege in der Senatsverwaltung“. Deren „Technokraten wie Bulldozer“ würden „durch Gründerzeit- oder Jugendstilviertel donnern“. Dabei würden „die Maste einfach über parkende Pkw hinweg jongliert“. Dass ausgerechnet das grüne und bisher „vom seidig-weichen Gaslicht umschmeichelte“ Lichterfelde in diesem Jahr elektrische Laternen bekommen hat, ist laut dem Fachblatt auf „krankes Verhalten von verklemmten Technokraten“ zurückzuführen. Zwar wurde diese Diagnose mit einem Fragezeichen versehen, aber wer so redet, hat erfahrungsgemäß schlechte Argumente oder einen schwierigen Charakter.

Berliner Gaslaternen
Stephan Völker hat eine historische Aufsatzleuchte mit LED-Lampen versehen. Der Unterschied zum Gaslicht sei nicht erkennbar, sagt er. Manche sehen das anders.Alle Bilder anzeigen
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10.11.2012 20:09Stephan Völker hat eine historische Aufsatzleuchte mit LED-Lampen versehen. Der Unterschied zum Gaslicht sei nicht erkennbar, sagt...

Auch die Fakten werden gelegentlich vom seidig-weichen Gaslicht so umschmeichelt, dass man sie kaum noch erkennen kann. Da wäre zum Beispiel der Hinweis, dass Gaslicht das natürlichste Licht überhaupt sei und mangels UV-Anteil keine Insekten verbrutzele wie elektrische Laternen. Wenn das natürlichste Licht keinen UV-Anteil hat, gilt ab sofort: Sonne, verpiss dich, keiner vermisst dich! Die Sache mit den Insekten stimmt zwar, aber dann dürfte nach Sonnenuntergang auch kein Auto mehr fahren.

Was hätten wir noch? Lichtsmog, der durch Gaslaternen minimiert werde. Tatsächlich ist es ein Problem für viele Tierarten, dass die moderne Welt die Nacht zum Tag macht. Aber da auch elektrische Laternen vorwiegend nach unten strahlen, sind sie harmlos im Vergleich zu Lichtschmutzfinken wie dem Sony-Center und all den anderen weithin strahlenden Bürogebäuden.

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