Studie: Sozial Schwache wählen nicht : Von der Unterschicht will niemand reden

Das Land hat eine linke Mehrheit – trotzdem verabschieden sich die sozial Schwachen von der Politik. Vielleicht hat das damit zu tun, dass Armut vor allem über fehlendes Geld definiert wird. Und dass die Existenz einer Unterschicht geleugnet wird.

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In sozial schwachen Vierteln ist die Wahlbeteiligung signifikant niedriger.
In sozial schwachen Vierteln ist die Wahlbeteiligung signifikant niedriger.Foto: dpa

Im Wahlkampf machte Ex- Kanzlerkandidat Peer Steinbrück einen Witz auf offener Bühne. Der Journalist Nils Minkmar schildert die Szene in seinem Buch „Der Zirkus“. Steinbrück habe aus einer Radioreportage zitiert, bei der eine Mutter ihrer Tochter beim Zoobesuch zuruft: „Schackeline, mach dem Mäh mal ei.“ Gemeint war damit offenbar: „Jacqueline, streichel mal das Schaf.“ Minkmar beschreibt, wie Steinbrück bei dieser Szene regelmäßig die Lacher auf seiner Seite hatte. Der Journalist glaubt den Grund darin zu sehen, dass „Abgrenzung vom White Trash“ von Beginn an ein Reflex der Sozialdemokratie gewesen sei.

Steinbrück allerdings wollte den Gag anders verstanden wissen – als Appell dafür, möglichst viel und früh in die Bildung von Kindern zu investieren. Er griff damit auf zwei Grundmuster zurück: Zum einen das Bedürfnis nach Abgrenzung der Mittelschicht nach unten. Zum anderen den Glauben daran, dass Aufstieg auch von ganz unten durch Bildung und Arbeit zu schaffen sei. Das in Deutschland verpönte Wort „Unterschicht“ aber nahm er nicht in dem Mund – anders als 2006 der frühere SPD-Vorsitzende Kurt Beck. Ihm hatte damals Franz Müntefering widersprochen und gesagt, hier gebe es keine Klassengesellschaft.


Auch in einer in dieser Woche veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung zur politischen Beteiligung kommt das U-Wort nicht vor. Stattdessen wird von „Performern“ und „Prekären“ gesprochen, um die Diskrepranz zwischen jenen Deutschen zu umschreiben, die sich überdurchschnittlich an der Bundestagswahl beteiligt haben und jenen, die zuhause geblieben sind: Die Studie weist nach, dass es einen frappierenden Zusammenhang gibt zwischen sozialem Status und Wahlabstinenz. Danach ist die Wahlbeteiligung umso geringer, je mehr Menschen aus sozial schwächeren Milieus in einem Viertel wohnen.

Dieses Ergebnis müsste nicht nur SPD-Chef Sigmar Gabriel zu denken geben, der bei der Vorstellung des Koalitionsvertrages gesagt hatte, dieser komme vor allem den „kleinen Leuten“ zu Gute. Auch die Linkspartei müsste sich eingestehen, dass sie einen Großteil jener offenbar nicht erreicht, die sie zu vertreten glaubt. Überhaupt gilt es ja als Gemeinplatz, dass das gesamte Parteiensprektrum in den vergangenen Jahren nach links gerutscht ist. In einer gestiegenen Wahlbeteiligung allerdings hat sich dies nicht bemerkbar gemacht. Selbst die Forderung nach einem allgemeinen Mindestlohn mobilisierte offenbar nicht. Womöglich vertritt auch das linke politische Spektrum inzwischen eher jene, die sich von Abstiegsängsten bedroht sehen. Und weniger die, die tatsächlich am Rand stehen. Die abschlagsfreie Rente mit 63 zum Beispiel begünstigt vor allem Facharbeiter. Andererseits wird Armut weiterhin vor allem als individuelles Versagen betrachtet, das allenfalls durch Bildung und Anstrengung zu heilen sei.

Womöglich greift dieser Ansatz zu kurz. Womöglich verläuft die Konfliktlinie inzwischen nicht nur dem Einkommen nach, sondern ist auch eine kulturelle. Eingestehen möchte sich das aber in Deutschland niemand so richtig. Denn in der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ der Bundesrepublik, von der der Soziologe Helmut Schelsky in den 50er Jahren einmal sprach, war eine Unterschicht schlichtweg nicht vorgesehen.

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