Syrien : Bestellte Konfessionskrieger

In Syrien kämpfen Sunniten gegen Schiiten. Doch wer das Land zu einem multireligiösen Flickenteppich machen will, verkennt den Konflikt. Die tatsächlichen Fronten liegen woanders.

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Soldaten auf Assads Seite: Die Staats-PR verbreitet Schauergeschichten
Soldaten auf Assads Seite: Die Staats-PR verbreitet SchauergeschichtenFoto: Reuters

Auch der Falsche kann das Richtige sagen. Den folgenden Satz twitterte vor kurzem der syrische Präsident Baschar al Assad: „Die Syrer sind die Einzigen, die es vermögen, die Zukunft ihres Landes zu zeichnen.“ So einfach. Und doch so schwer. Denn der Satz funktioniert als Parole gleichsam für Gegner wie Anhänger Assads – je nachdem, welcher Patriotismus schwerer wiegt. Der Satz ist aber auch eine Adresse an die Staatengemeinschaft: Haltet euch raus aus unserem Krieg!

Im Angesicht des Anschlages auf die iranische Botschaft in Beirut wird klar, dass es für ein Raushalten längst zu spät ist. Terroristen der Al Qaida bomben im Libanon, um die Hisbollah-Kämpfer aus Syrien fernzuhalten. Eine sunnitisch-schiitische Rivalität unter Terroristen. Das befeuert einen Konfessionskrieg, der die Grenzen Syriens endgültig sprengen kann. Assad kommt das entgegen, gibt es doch seiner Propaganda recht.

Doch die Syrer sind untereinander nicht so zerstritten, wie es von außen scheinen mag: Der Bürgerkrieg ist kein Glaubenskampf islamistischer Sunniten gegen die alawitische Regierung. Er führt auch nicht in ein ethnisches Chaos, das angeblich mit jedem Tag schlimmer wird, an dem Assad nicht die Fäden in der Hand hält. Die Fronten liegen anders. Es gibt jene, die sich eine Zukunft des Landes nur mit einem toten Assad vorstellen können – dafür kämpfen sie mit aller Macht und Brutalität. Und es gibt jene, die ihr eigenes Leben unmittelbar mit dem des Präsidenten verknüpfen.

Assad selbst müht sich redlich, diese Fronten aufrechtzuerhalten. Terroristen bedrohen den Frieden im Land, lautet seine Deutung, finanziert von Saudi-Arabien, eingeflogen aus dem Westen, trainiert von Al Qaida. Die Staats-PR verbreitet Schauergeschichten von Angriffen auf syrische Christen und von Frauen, die zum „sexuellen Dschihad“ ins Land geflogen werden. Nur der Präsident könne die Minderheiten Syriens schützen. Doch das ist falsch. Syrien mag ein Land der Minderheiten sein, aber es ist – noch – kein Land multiethnischer Grabenkämpfe.

Das Gefälle im syrischen Bürgerkrieg ist nicht religiös - es ist ökonomisch

Auch nach bald drei Jahren Bürgerkrieg passierte nicht, was Assad von Beginn an beschwor. Christen, Kurden, Muslime, Drusen kämpfen nicht gegen die religiöse Identität der anderen. Sie kämpfen allein in jenem Gefälle, das den Bürgerkrieg tatsächlich befeuert: zwischen denen, die Macht haben und denen, die abgehängt sind. Bei Weitem nicht alle Alawiten werden vom Regime begünstigt, und nicht wenige Sunniten gehören zur wirtschaftlichen Elite des Landes. Der Krieg findet zwischen Dörfern und Städten, nicht aber zwischen Moscheen statt.

Natürlich holt die Realität Assads Propaganda immer weiter ein: „Hurriya“, Freiheit, war noch vor einem Jahr der lauteste Schlachtruf der Rebellen. Er wurde vielerorts durch „Allahu akbar“ ersetzt. Kämpfer, die einst der Freien Syrischen Armee, einer unabhängigen Bürgermiliz, angehörten, laufen zu islamistischen Brigaden über. Dort gibt es bessere Waffen und grimmigere Hoffnungen.

Aber noch gibt es den syrischen Nationalstaat, egal, wie viel Rauch über ihm hängt. Die einen verteidigen ihn im Namen Assads. Die anderen gegen ihn. Wer aber Assads Propaganda folgt, hilft nur der dritten Partei – also jenen, die Syrien im Namen Gottes verteidigen.

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