Tempelhofer Feld : Brennpunkt der Gentrifizierung

Der angespannte Berliner Wohnungsmarkt rechtfertigt es, die äußersten Ränder des Tempelhofer Feldes wie geplant zu bebauen. Doch der Park selbst darf nicht angetastet werden - und dafür gibt es gute Gründe.

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Das Tempelhofer Feld - die grüne Lunge der Stadt.
Das Tempelhofer Feld - die grüne Lunge der Stadt.Foto: dpa

Berlin war schon immer ein wenig anders. Wer dieser Tage etwas über die Befindlichkeit dieser besonderen, ja einzigartigen Stadt lernen will, der geht am besten aufs Feld – aufs Tempelhofer Feld. Da ist der Blick frei und der frische Herbstwind lässt die Gedanken schweifen, den bunten Drachen der jauchzenden Kinder hinterher oder der Junggebliebenen auf ihren Kiteboards, die der Wind über die Rollbahnen jagt. Ja, dank dieses wilden Paradieses mitten in der Stadt hebt sich Berlin ab von all den schicken Metropolen – dieses unfertige, experimentierfreudige, kiezige Berlin.

Tempelhofer Freiheit wird dieser Park auch genannt – und der Senat soll sie bitteschön nicht einschränken, indem er Wohnhäuser am Rande des Feldes baut. Das fordert eine Bürgerinitiative. 300 Millionen Euro würde solcher Verzicht allerdings kosten, hat aber eine neue Studie ermittelt – und liefert damit Zündstoff für den Streit um die Zukunft des stillgelegten Airports.

Noch ist das Feld frei für urbane Gärtner, elektrische Testfahrzeuge, Schulklassen und Kitakinder. Das Treiben ist von jenem liebenswerten Dilettantismus getragen, der den Charme des fast schon mythischen Kreativprekariats Berlins ausmacht. All das trägt zur stil- und bildprägenden Kraft unserer Stadt bei, die mit genialen urbanen und unternehmerischen Provisorien punktet, die sich sogar bezahlt machen: Sie sind es, die Millionen in die Stadt locken, um ihr Geld in Hotels und Kneipen zu lassen.

Alles muss so bleiben, wie es ist! Das ist die Stimmung in den benachbarten Quartieren. Unbehagen ist es, das diesen Reflex auslöst, über das Tempo der Veränderung, das Berlin erfasst hat und Sehnsucht nach Inseln der Ruhe auslöst. Migranten, Minijobber und mittellose Hartz-IV-Empfänger wohnen am Rande des Feldes, aber auch Studenten und Künstler. Sie alle profitieren von der unverhofften Schließung des Flughafens und den vielen Initiativen und Projekten am Ort. Das ist gut so.

Aber zur Wahrheit gehört ebenfalls: Auch die Investoren haben Nordneukölln entdeckt, der Handel mit Wohnhäusern am Rande des Feldes blüht. Spekuliert wird auf steigende Mieten. Auch die Neuberliner erkennen, wie großartig es sich hier lebt, mittenmang im Grünen. So entscheidet oft genug die Kaufkraft, wer die freie Wohnung bekommt am Tempelhofer Feld, an diesem Brennpunkt der Gentrifizierung, wie Stadtsoziologen sagen.

Denn auch das gehört dieser Tage zur Realität in Berlin: Dass in dieser wachsenden Stadt mit ihrem Not leidenden Haushalt ein harter Wettbewerb um die knappen Ressourcen herrscht, um Wohnraum zuallererst. Der Streit über die richtigen Mittel gegen die explodierenden Mieten hätte fast den Senat gesprengt. Der Kompromiss in der Liegenschaftspolitik sieht nun die Bebauung landeseigener Flächen vor. Luxuriöse Lofts entstehen auch so, aber keine Wohnungen zu bezahlbaren Mieten für Alleinerziehende, für Minijobber, geringfügig Beschäftigte, kurz, für die vielen Berliner, die wenig Geld für ihre Arbeit bekommen. Wie sagte Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz jetzt ganz richtig: Keine Regulierung wird Mietsteigerungen stoppen, wenn nicht genügend Wohnungen gebaut werden.

Dieses Ziel vor Augen, das Grundbedürfnis nach Wohnraum auf einem angespannten Markt zu befriedigen, rechtfertigt es, die äußersten Ränder des Tempelhofer Feldes wie geplant zu bebauen. Der Park selbst darf nicht angetastet werden, denn er ist die grüne Lunge der Stadt, die Klimaschneise für die im Sommer aufgeheizten Betonschluchten Berlins.

Das haben die Pläne von Berlins Stadtentwicklungssenator Michael Müller im Blick. Doch die Fliehkräfte jener, die auf Bestehendem beharren und die Augen verschließen vor der (Wohnungs-)Not anderer, sind stark und ihre Stimmen haben Gewicht. Tempelhof-Schöneberg ist eine Hochburg der SPD, Wahlbezirk von Senatoren wie Müller und Dilek Kolat. Hier begann auch der Aufstieg des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit. Müller beugte sich dem Druck seines Wahlvolkes schon einmal: Er verlegte die auf dem Tempelhofer Feld geplante Internationale Gartenausstellung nach Marzahn. Er darf nicht erneut einknicken.

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