Terror in Paris : Bitte kein neues 9/11

Die Attentäter von Paris wurden in Frankreich radikalisiert. Eine Mischung von Perspektivlosigkeit, fehlender Anerkennung, Armut und religiösem Fanatismus ließ sie zu Terroristen werden. Wie wird Frankreich reagieren? Ein Kommentar.

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Hunderttausende Franzosen gedachten am Samstag der Terroropfer.
Hunderttausende Franzosen gedachten am Samstag der Terroropfer.Foto: AFP

Die Radikalisierung der Attentäter von Paris geschah in Frankreich. Zwar ließ sich einer der Brüder Kouachi im Jemen von al-Qaida ausbilden und indoktrinieren, zwar feierten al-Qaida, wie auch der „Islamische Staat“ die Attentate, doch diese traurige Geschichte, die mit dem Tod von 17 Menschen vorläufig endete, sie ist eine vorwiegend französische.

Am ersten Tatort, vor dem Blumenberg am Redaktionsgebäude von „Charlie Hebdo“ sprach eine trauende Französin, die klugen Worte aus, die Frankreich nun zumindest bedenken muss: „Wir brauchen kein Guggenheim-Museum, wir sollten uns nicht hier im Zentrum verschanzen, wir müssen Geld, Liebe und Verstand in die Hand nehmen und nach da draußen gehen.“ Draußen, das sind die Banlieues, in denen auch die Brüder Kouachi und ihre Komplizen in einer Mischung von Perspektivlosigkeit, fehlender Anerkennung, Armut und religiösem Fanatismus zu Terroristen wurden.

Droht eine neue Welle der Überfremdungsdiskussion?

Dass 99 Prozent, der dort lebenden Menschen friedlich sind und es auch bleiben, spricht eigentlich für sich. Aber es braucht ja nur einen Terroristen für die Katastrophe und für eine neue Welle der Überfremdungsdiskussion, die auf den Straßen Paris nicht zu überhören ist. Wird diese Januarwoche als das 9/11 der Grande Nation in die Geschichte eingehen? Wird Paris auf die Liste der Anschläge in New York, London und Madrid kommen?

Weltweite Trauer nach Pariser Anschlag
Aus Stiften und Kerzen geformt: "Ich bin Charlie".Weitere Bilder anzeigen
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10.01.2015 14:00Aus Stiften und Kerzen geformt: "Ich bin Charlie".

Francois Hollande wird bei der offiziellen Trauerfeier am Sonntag keinen leichten Stand haben, als Präsident aller Franzosen aufzutreten. Frankreich steht die Weiterführung einer Debatte bevor, die schon seit Jahren den sozialen Frieden belastet. Sie wird in den nächsten Monaten und Jahren, bis zur Präsidentschaftswahl 2017, aber mit mehr Aggression, mehr Angst, mehr Polemik geführt werden. Sicherheit und Bürgerrechte werden gegeneinander ausgespielt werden, Identitätspolitik hat jetzt schon, wenige Stunden nach dem vorläufigen Ende, Hochkonjunktur. Klingt wie ein neues 9/11, tatsächlich.

„S’il vous plait, pas de nouveau 9/11“

Fragt man aber Franzosen jeglicher Art und Herkunft, ob der 7. Januar und die darauf folgenden Tage der Angst und des Terrors der 11. September Frankreichs ist, lautet die Antwort fast immer: „S’il vous plait, pas de nouveau 9/11“ – kein neues 9/11, bitte. Kann man nur hoffen, dass sie stark bleiben und sich ihren eigenen Wunsch erfüllen.

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