Türkei, Syrien - und wir : Verdammt nahe dran am Krieg

Der Konflikt zwischen Syriens Machthaber Baschar al Assad und den Aufständischen in Syrien sollte uns nahe gehen. Denn die Provokationen der Türkei zeigen: Wir könnten im Handumdrehen in diesen Krieg verwickelt werden.

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Ein Krieg mit Syrien? Es sei „kein Problem“, einen Anlass zum Losschlagen zu schaffen, sagen hohe türkische Beamte.
Ein Krieg mit Syrien? Es sei „kein Problem“, einen Anlass zum Losschlagen zu schaffen, sagen hohe türkische Beamte.Foto: Imagp

Man hat sich an den abstumpfenden Tenor der Nachrichten aus Syrien gewöhnt: viele Bomben und noch mehr Tote, Tag für Tag. Dazu Millionen Menschen auf der Flucht vor Hunger, Leid und Not. Ein Krieg, sicherlich. Aber einer, der im notorisch kriegerischen Nahen Osten tobt. Also in ausreichender Entfernung, um nicht - in welcher Form auch immer - direkt beteiligt zu sein. Dieser Hoffnung könnte man sich hingeben. Doch sie ist nichts anderes als blauäugige Selbsttäuschung. Der Konflikt zwischen Syriens Machthaber Baschar al Assad und den Aufständischen sollte uns nahe gehen. Denn wir könnten im Handumdrehen in diesen Krieg verwickelt werden.

Dass die Gefahr sehr wohl realistisch und damit relevant ist, zeigen die jetzt auf Youtube veröffentlichten Mitschnitte eines Gesprächs hoher türkischer Regierungsvertreter. Es sei "kein Problem" einen Anlass zum Losschlagen zu finden, betont Geheimdienstchef Fidan laut der Aufzeichnung. Eine Aussage, die uns alarmieren sollte, ja muss.

Weil klar wird: Der vermeintlich regionale Konflikt in Syrien hat jederzeit das Potenzial zu einem verheerenden Flächenbrand zu werden - und sei es "nur", weil ein Regierungschef in Ankara namens Erdogan von seiner innenpolitischen Misere ablenken möchte. Denn was übertönt die lautstarke Kritik an seiner Selbstherrlichkeit besser als Schlachtengetümmel und nationalistische Hurra-Parolen? Es mag zwar gut sein, dass der Premier so etwas nicht ernsthaft erwägt. Doch die ganze Lage in und um Syrien ist derartig brenzlig, dass schon unbedachte Worte schlimme Folgen haben können.

Washington und Berlin sollten mäßigend auf Erdogan einzuwirken

Deshalb zur Erinnerung: Die Türkei gehört der Nato an. An der Grenze zu Syrien sind deutsche Patriot-Einheiten stationiert, denen gerade erst Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen einen Besuch abgestattet hat. Sollte Ankara in Manier eines Hasardeurs und als Ablenkungsmanöver den Kampf mit dem verhassten Assad suchen - der Westen einschließlich der Bundesrepublik wäre kein Zuschauer mehr, sondern schnell ein Teil des sich dann vermutlich unkontrolliert ausbreitenden Konflikts. Deshalb täten Washington wie Berlin gut daran, auf Erdogan mäßigend einzuwirken und ihm unmissverständlich klar zu machen: Keine Provokationen!

Schließlich ist die Gemengelage bedrohlich genug. Der Libanon ist durch den Einsatz der Hisbollah auf Assads Seite schon jetzt ein Kriegsschauplatz, auf dem Schiiten und Sunniten ihre Schlachten schlagen. Israel hat zwar keinerlei Interesse, in den syrischen Konflikt hineingezogen zu werden. Doch auch an dieser Grenze genügt bereits eine vermeintlich kleine Attacke, um eine größere militärische Auseinandersetzung zu provozieren. Und ist die Sicherheit des jüdischen Staates nicht deutsche Staatsräson?

Ja, Syrien ist längst ein internationaler Konflikt. Nur wird das auch hierzulande gerne verdrängt. Die jetzt veröffentlichten Mitschnitte von Gesprächen türkischer Regierungsvertreter belehren alle Gutgläubigen, die uns fernab des Geschehen wähnen, eines Besseren. Wir sind verdammt nahe dran am Bürgerkrieg in Syrien. Ob es uns passt oder nicht.

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