TV-Interview : Wulffs Erklärung: Angriff in Demut

Wulffs Fernsehauftritt ist eine in Demut verpackte Kampfansage. Sein Kalkül ist offensichtlich: Er versucht diejenigen für sich zu gewinnen, die eine gewisse Skepsis gegen Politik und Medien hegen. Sein bester Trick ist die Nummer mit der Unschuld vom Lande.

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Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das Büro mit Mitarbeitern geht.Weitere Bilder anzeigen
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04.03.2012 21:00Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das...

Er wolle „nicht gleich bei der ersten Herausforderung weglaufen“, sagt der Bundespräsident, und so setzt er am Ende eines denkwürdigen Fernsehauftritts einen Ton, der nachhallen wird. Dieser Satz markiert den neuen Maßstab für das Amt, und er ist, bei aller ausgesprochenen Einsicht Wulffs in „schwere Fehler“, bei aller bezeugten Demut, eine Kampfansage. Viel geschickter als Guido Westerwelle, der mit dem Ruf „Ihr kauft mir den Schneid nicht ab!“ laut tönend verlor, viel geschmeidiger als Karl-Theodor zu Guttenberg, den sein Hochmut zu Fall brachte, und: viel zäher als Horst Köhler. Wulffs Vorgänger hatte es mit der Politik aufgenommen, und war dann eben gleich bei der ersten Herausforderung weggelaufen. So einer will Wulff nicht sein, obwohl, wie er sagt, „das Amt schwieriger geworden“ sei. Was genau daran schwieriger geworden ist und wodurch – es bleibt offen, ungenau, wie so vieles. Dagegen ist nun bekannt, als was der Bundespräsident die Vorwürfe gegen ihn betrachtet: als eine erste Herausforderung. Weniger geht nicht.

Wulffs Kalkül ist offensichtlich. Mit seiner Melange aus Demut und Angriff wird er diejenigen, die ihn ohnehin ablehnen, nicht umstimmen können; aber das würde ihm auch auf andere Weise nicht gelingen. Also versucht er, diejenigen für sich zu gewinnen, die eine gewisse Skepsis gegen Politik und Medien hegen, besonders die in Berlin. Wulffs bester Trick ist dabei die Nummer mit der Unschuld vom Lande, weshalb er auch nicht vergaß zu erwähnen, wie viel Unruhe die Recherchen „in meinem Dorf“ ausgelöst hätten. Er spricht von einem „Lernprozess“, den er benötigt habe beim plötzlichen Aufstieg aus der Landespolitik – er nennt bewusst Hannover – an die Spitze des Staates. Zugleich spielt er so auf einen Vorbehalt an, den viele gegen ihn hegten, als er ins Amt kam: Zu jung, hieß es, nicht lebenserfahren genug. Heute sagt Wulff dazu: „Man wird lebensklüger.“

Diese Haltung nahe der Naivität, aber mit menschlichem Antlitz, durchzieht Wulffs Worte von Anfang bis Ende. Er stellt sich dafür sogar neben sich, trennt den Ministerpräsidenten vom Bundespräsidenten, geht mit dem einen mal weniger nachsichtig um, mit dem anderen mal mehr, so dass die versuchte Einflussnahme auf Journalisten in dem einen Amt eher normal erscheint, mit dem anderen als „nicht vereinbar“ erklärt wird. Aber: als erklärbar. „Ich habe mich offenbar in dem Moment als Opfer gesehen“ – so lautet einer von Wulffs zentralen Sätzen. Er bittet, ihn „menschlich zu verstehen“.

Der Präsident, ein Mensch. Als Christian Wulff vor seinem Amtsantritt gefragt wurde, was ihn denn qualifiziere, und ob er denn nicht zu jung sei, sagte er: Es sei ein großer Reiz, dass endlich jemand aus der mittleren Generation Bundespräsident werden könne, einer „mit ganz besonderen Erfahrungen und Alltagssorgen“; Wulff nannte Kinder im schulpflichtigen Alter, eine Frau, die wisse, was Alleinerziehung bedeute, Familien, die Brüche hinter sich haben. All das, und der Islam, den er als Präsident später hinzufügte, und auch Tattoos, wie andere mit Blick auf seine Frau ergänzten, gehören für Wulff zu Deutschland, und deshalb auch ins Schloss Bellevue.

Dass Konservative damit nicht ihren Frieden machen würden, hat der Präsident offenbar ebenso unterschätzt wie die Folgen einer halb geöffneten Tür zum eigenen Wohnzimmer. Wulff verlangt zu akzeptieren, dass auch er Freunde und ein Privatleben hat. Das ist sein gutes Recht. Zuvor aber hatte er seine neue Familiensituation gefällig inszenieren lassen. Das war riskant, schon immer, sogar in Hannover. Dass, wie Wulff jetzt offen sagt, im Internet „Fantasien“ über seine Frau verbreitet werden, ist nachvollziehbar enorm belastend. Dass Journalisten in großen Zeitungen zuvor scheinheilig schrieben, sie würden einstweilen nichts zu Gerüchten über Wulffs Frau schreiben und es damit taten, gehört zu den beschämenden Aspekten der Vorgänge um den Bundespräsidenten, die dessen Ausraster verstehbar machen. Als Mensch. Aber Wulff ist Staatsoberhaupt.

Das Amt ist schwieriger geworden. Nicht nur für den Präsidenten.

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