Verfolgung von Christen : Des Glaubens Genossen

Christen werden in der muslimischen Welt vielerorts systematisch verfolgt. Am heutigen Sonntag Reminiszere wird an ihr Schicksal erinnert. "Lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“: Diese Aufforderung des Apostels Paulus, schreibt Malte Lehming, hat eine humanitäre Moral im Blick, die Gefühle wie Nähe und Verbundenheit nicht negiert.

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Christen in Syrien - ein Leben zwischen Angst und Gottvertrauen.
Christen in Syrien - ein Leben zwischen Angst und Gottvertrauen.Foto: dpa

Alle fünf Minuten wird ein Christ ermordet. Das haben Menschenrechtsorganisationen ermittelt. Das Christentum ist weltweit die am heftigsten bekämpfte Religion. Etwa 80 Prozent aller Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen.

Solche Sätze sind plakativ, provokativ, vielleicht auch propagandistisch. Den vielfältigen Motiven für Diskriminierung, Folter und Hinrichtungen werden sie nicht ganz gerecht. Sich aber vor ihrem Wahrheitskern zu drücken, diesen gar ausblenden zu wollen, wäre fatal. Die massive Verfolgung von rund 100 Millionen Christen in mehr als 50 Staaten ist leider sehr real. Deshalb wird seit 2010 in der evangelischen Kirche am zweiten Sonntag der Passionszeit (Reminiszere), also heute, der verfolgten Christen gedacht. Die katholische Kirche hat dafür seit 2012 den zweiten Weihnachtsfeiertag festgelegt.

Schwerpunkt in diesem Jahr ist die Lage der christlichen Minderheiten auf der Arabischen Halbinsel. In Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, in der Öffentlichkeit oder privat, durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung von Riten zu bekunden.“

In keinem muslimischen Land wird diese Form der Religionsfreiheit gewährt. Im Irak etwa findet seit Jahren die systematische Vertreibung von Christen statt. Von den ursprünglich rund 1,2 Millionen irakischen Christen sind bereits mehr als zwei Drittel geflohen. Der schiitische Großayatollah Sayyid Ahmad al Hassani diffamiert die Christen als Polytheisten und Freunde der Zionisten und stellt sie vor die Alternative: Bekehrung zum Islam oder Tod. Nicht allein im Iran werden Konversionen mit dem Tode bestraft. In Saudi-Arabien ist es lebensgefährlich, in der Bibel zu lesen. Die Lage der rund acht Millionen Kopten in Ägypten wird seit Beginn des Arabischen Frühlings immer prekärer. Kirchen werden in Brand gesetzt, von Christen geführte Geschäfte geplündert.

Dramatisch ist die Situation vor allem auch in Syrien. Auf dem Weltverfolgungsindex steht das Land inzwischen auf Platz drei, hinter Nordkorea und Somalia. Die Gewalt gegen Christen geht besonders von internationalen dschihadistischen Milizen aus. Muslimische Länder wie Afghanistan, Pakistan und Jemen finden sich ebenfalls unter den zehn schlimmsten Verfolgerstaaten. Mission und Übertritte sind zumeist strikt verboten, die öffentliche Religionsausübung ist nur stark eingeschränkt möglich. Es grenze an ein Wunder, schreibt der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider, „wenn sich Menschen auch in einer derart ungastlichen Umgebung versammeln und das Wort Gottes hören, miteinander beten und Gott loben“.

Berlins Bischof Markus Dröge hielt vor kurzem in Kairo einen Vortrag über die bedrängten Christen. Er beklagte, dass die Lage der Christen in anderen Weltreligionen in der kirchlichen Öffentlichkeit in Deutschland bisher „eine nachgeordnete Rolle spielte“ – trotz der biblischen Aufforderung aus dem Neuen Testament „Lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“. Die Ökumene, also die Zusammengehörigkeit von Christen über Länder- und Konfessionsgrenzen hinweg, die Verbundenheit und Eingebundenheit in die weltumspannende Christenheit, werde zu selten bedacht. Und er plädierte dafür, die Gemeinschaft mit Christen, auch wenn diese „recht fremd wirkende Traditionen pflegen“, zu suchen und zu praktizieren. Dröge selbst hat zum heutigen Gedenkgottesdienst in die Bischofskirche St. Marien am Alexanderplatz die Berliner fremdsprachigen Gemeinden eingeladen.

„Lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“: Diese Aufforderung des Apostels Paulus (Galater 6,10) hat eine humanitäre Moral im Blick, die Gefühle wie Nähe und Verbundenheit nicht negiert, sondern als durchaus konstitutiv für mitmenschliches Handeln erachtet. Wenn ein Haus brennt und eine Mutter zunächst ihr eigenes Kind rettet, wäre es absurd, ihr deshalb eine ungerechtfertigte Bevorzugung vorzuwerfen. Das Gleichnis des barmherzigen Samariters lehrt zwar, auch dem gefühlsmäßig Fremden helfen zu sollen. Aber daraus folgt nicht, dass christliche Verbundenheit gewissermaßen etwas Unanständiges sei, das keinesfalls als Movens in solidarisches Handeln einfließen dürfe.

Hilfe für die, denen man sich nahe fühlt: Dieser Auftrag hat angesichts der Dramen, die sich zum Teil unmittelbar vor Europas Haustür ereignen, eine akute Dringlichkeit. Und diese Dramen zu benennen, hat weder mit Anti-Islamismus zu tun noch mit einem Kampf der Kulturen.

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