Vielfalt und Unternehmenskultur : Einfalt schädigt das Geschäft

An der Spitze der allermeisten deutschen Unternehmen stehen weiße Männer. Von Vielfalt keine Spur. Auch in den Etagen weiter unten sieht es nicht viel besser aus. Doch erst eine vielfältig zusammengesetzte Belegschaft schafft die Voraussetzung für Innovationen.

von
So bunt wie Berlin sind die Spitzen deutscher Konzerne nicht besetzt. Foto: dpa
So bunt wie Berlin sind die Spitzen deutscher Konzerne nicht besetzt.Foto: dpa

Weiß und männlich: So sieht es in weit über 90 Prozent der Vorstandsetagen deutscher Unternehmen aus. Mit Vielfalt, mit Diversität, ist es nicht weit her – allen Initiativen zum Trotz, die mit Fotos von strahlenden Menschen unterschiedlicher Ethnien werben oder mit Symbolbildern, die bunte Schokolinsen zeigen. Noch immer herrscht in den Führungsetagen Deutschlands eine Angst vor Andersartigkeit. Menschen umgeben sich vorrangig mit ihresgleichen.

Deutschland gehört zu den Staaten der Welt, in denen die meisten Migranten leben. Trotzdem ist es für Arbeitgeber keine Selbstverständlichkeit, sie zu beschäftigen. Im Schnitt müssen sie sich drei- bis viermal häufiger bewerben als Gleichqualifizierte mit deutschem Namen. Die Arbeitslosenquote unter den erwerbsfähigen Menschen mit Behinderungen ist doppelt so hoch wie unter den Nichtbehinderten.

Man muss kein Gutmensch sein, um das zu kritisieren. Der Mangel an Vielfalt in den Belegschaften ist ein Problem, das schwer wiegt und in Zukunft noch schwerer wiegen wird. Denn heterogen zusammengesetzte Belegschaften entwickeln mehr und andere Ideen. Nicht, weil ein schwuler Engländer grundsätzlich andere Perspektiven einbringt als ein heterosexueller Bayer, oder weil Frauen per se anders denken als Männer, Muslime anders als Christen.

Frischer Wind kommt in die Unternehmen nicht nur durch die Neuankömmlinge selbst. Schon ihre pure Anwesenheit bricht oft in den Köpfen derer, die schon lange da sind, festgefahrene Strukturen auf. Das öffnet den Blick für ungewohnte Denkansätze und Herangehensweisen. Und das ist die Voraussetzung für Neues, für Innovation.

Menschen verschiedener Herkunft, verschiedenen Geschlechts und unterschiedlichen Alters zu integrieren, zeugt also nicht nur von einer netten Unternehmenskultur. Es geht um handfeste wirtschaftliche Vorteile.

Aber Achtung: Die Beschäftigung vermeintlich Benachteiligter schafft noch keine Vielfalt. Menschen dürfen nicht um ihrer offensichtlichen Merkmale willen eingestellt werden. Weder macht Wolfgang Schäuble eine Politik für Behinderte noch Guido Westerwelle eine für Schwule. Es wäre auch verschenkt, das von ihnen zu erwarten und sie darauf festzulegen. Und einen Inder einzustellen, bloß weil man hofft, so mehr Produkte an Inder zu verkaufen, greift zu kurz.

Quoten sind vielleicht ein erster Schritt, aber sie dürfen nicht auf Aufsichtsräte beschränkt bleiben. Diversität ist aber keine Frage von Prozentzahlen, sondern eine Frage der Mentalität. Die Veränderung muss im Bewusstsein der Topmanager beginnen. Es sollte fester Bestandteil jeder Personalentwicklung sein, Führungskräfte durch entsprechende Schulungen dafür zu sensibilisieren.

Unternehmen, die auf diese Frischzellenkur verzichten, handeln kurzsichtig. Bis 2030 werden in Deutschland aller Voraussicht nach zehn Millionen Arbeitskräfte fehlen. Die Unternehmen, von denen die Wirtschaftsentwicklung und der Wohlstand in Deutschland abhängen, schneiden sich von Ressourcen ab, die sie dringend benötigen.

„Diversity ist kein Feinschmecker-Thema“, hat die Berliner Arbeitssenatorin Dilek Kolat kürzlich gesagt. Sie hat recht: Morgen ist Vielfalt unser Grundnahrungsmittel. Wer sich weigert, davon zu kosten, wird verhungern.

26 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben