Vom Hotel Bogota zur East Side Gallery : Das einmalige Berlin verschwindet

Berlin ist eine Stadt, die ihren von Diktaturen ruinierten Bürgersinn nur langsam zurückgewinnt, und bis es so weit ist, wird es für vieles zu spät sein.

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Hotel Bogota in Berlin.
Hotel Bogota in Berlin.Foto: Thilo Rückeis

Diese Zeitung hat groß über die drohende Schließung des Hotels Bogota berichtet. Das Bogota ist eines der letzten Salonhotels, ein Unikat. Es liegt in der Nähe des Kurfürstendamms und ist ein Denkmal der unverwechselbaren Atmosphäre dieses Boulevards – so war der Berliner Westen zwischen den 20er und den 80er Jahren. Das Hotel muss schließen, weil die Mieten dort für Traditionsbetriebe nicht mehr zu erwirtschaften sind.

Parallel dazu verschwinden in Berlin die Gaslaternen, die es so schön und zahlreich nirgendwo sonst in Europa gegeben hat. Die Gaslaternen werden abgerissen, weil es – vielleicht – Geld spart und weil unter den Berliner Politikern bisher kaum jemand den Weitblick besitzt, für ihre Erhaltung zu kämpfen und sich dadurch bei künftigen Generationen beliebt zu machen.

Prominente wollen das Bogota retten
Das Hotel in der Schlüterstraße 45 soll verschwinden, die Räumungsklage läuft. Doch es gibt zahlreiche Unterstützer:Weitere Bilder anzeigen
1 von 28Foto: Rissmann
07.06.2013 15:19Das Hotel in der Schlüterstraße 45 soll verschwinden, die Räumungsklage läuft. Doch es gibt zahlreiche Unterstützer:

Die Mauer dagegen war ein barbarisches Bauwerk. Trotzdem schien klar zu sein: Auch ein Teil dieser Mauer muss für künftige Generationen erhalten bleiben. Der bedeutendste Mauerrest, die East Side Gallery, wurde trotzdem zum Teil niedergerissen. Der Investor beruft sich, wahrscheinlich zu Recht, auf eine Genehmigung des Bezirks. Der Bezirk hatte wenig Interesse an seinem wichtigsten historischen Denkmal. Ob die East Side Gallery zerstückelt und damit zerstört wird, ist im Moment eine offene Frage.

Das Spreeufer, die Kinos am Kurfürstendamm. Die Boulevardtheater der Stadt, demnächst in einem Neubau. Ihre leere Mitte, die nicht einmal einen Namen hat. All die kleinen Läden. Es ist seltsam: Wenn ich in die Stadt tief im Westen fahre, in der ich aufgewachsen bin, dann finde ich auch dort viel Neues, denn jede Stadt ändert sich und muss sich ändern. Aber von dem, was den Reiz jener kleinen Stadt ausmachte, die Atmosphäre, das Besondere, ist kaum etwas verschwunden. Anders als in Berlin.

Dem siegreichen Kapitalismus, dem besser funktionierenden System, das aber niemals allmächtig sein darf, konnte diese Stadt, von Ausnahmen abgesehen, wenig entgegensetzen. Bürgersinn, ein Gespür für den Unterschied zwischen Erhaltenswertem und Verzichtbarem, historischen Stolz, Geschmack, Traditionsbewusstsein, das alles gibt es natürlich auch in Berlin. Aber es bleibt marginal, machtlos.

Berlin ist eine Stadt, die ihren von Diktaturen ruinierten Bürgersinn nur langsam zurückgewinnt, und bis es so weit ist, wird es für vieles zu spät sein. Berlin, als etwas Einmaliges, ist im Begriff, zu verschwinden. Berlin wird eine große Stadt bleiben, mit einem großen Apple-Store und weitläufigen Einkaufszentren, Berlin wird die Stadt mit den meisten Ikealäden in Deutschland sein und den meisten Sternerestaurants, die Stadt mit der längsten Partymeile. Das ist es, was zur Zeit entsteht. Da hatte man sich mehr erhofft.

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