Meinung : Vom vorurteilsfreien Denken

Zum Nachruf Peter Ensikat

Wie Peter Ensikat habe ich in Finsterwalde die Oberschule besucht. Wir hatten dieselbe Klassenlehrerin: Frau Hurm. Sie unterrichtete in den Fächern Deutsch und Französisch. Ich machte mein Abitur 1949, Ensikat zehn Jahre später. Frau Hurm war eine hervorragende Lehrerin und großartige Frau. Ihr verdanke ich die Erziehung zum vorurteilsfreien Denken und mein Interesse an Literatur und Kunst. Frau Hurm war Sozialdemokratin und bewahrte ihre humanistische und demokratische Gesinnung in beiden diktatorischen Systemen. Nach 1933 wurde sie gezwungen, in Finsterwalde zu bleiben. Kurz vor Kriegsende war sie wegen Abhören von Feindsendern im Gefängnis. Ich lernte sie kennen, als 1946 meine Schulzeit in Finsterwalde begann. Sie war klein, streng, anders und nicht sehr beliebt, aber ich mochte sie. Auch nach Beginn meines Studiums besuchte ich sie und ihren Mann. Verwandte hatte sie keine. Peter Ensikat war bis zu ihrem Tod mit ihr befreundet. In seinem Buch „Ab jetzt geb’ ich nichts mehr zu“ erzählt er in den „Nachrichten aus der Provinz Finsterwalde“ von den Begegnungen mit Frau Hurm und einiges aus ihrem Leben. So

z. B. die Episode vom Parteieintritt. Als Ensikat aufgefordert wurde, in die SED einzutreten, bat er seine Lehrerin um Rat. Sie nahm ihm das Versprechen ab, niemals in eine Partei einzutreten, und die Ablehnung mit „ich bin nicht reif“ zu begründen. Ensikat hat das Versprechen lebenslang gehalten. Ensikat verdanken wir die bleibende Erinnerung an diese aufrechte Frau.

Dr. Erwin Riedel, Berlin-Hansaviertel

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben