Meinung : Warum sind Staatsdiener öfter krank?

Foto: iw Köln
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Berichterstattung zum Personalmangel bei der

Deutschen Bahn AG

Ich schlage vor, einmal die Frage zu untersuchen, warum im öffentlichen/halböffentlichen Dienst der Krankenstand so extrem hoch liegt. Während in der Privatwirtschaft der Krankenstand, selbst in der Metall- und Schwerindustrie, bei vier bis sechs Prozent liegt, liegt er im öffentlichen/halböffentlichen Diensten (wie der Bahn) um die 20 Prozent. Behauptet wird seitens der Gewerkschaften immer, es liege eine extreme Personalinanspruchnahme vor. Die meisten Privatunternehmen wären bei solchen Krankenständen sehr schnell pleite. Es möge jeder selbst beurteilen, ob in den öffentlichen/halböffentlichen Diensten der Stress höher liegt als in der Privatwirtschaft.

Solange niemand den Mut hat, etwas gegen die extremen Krankenstände zu unternehmen, bleibt nur die Alternative einer prophylaktischen Personal-Überkapazität mit entsprechenden Kostenwirkungen oder zeitweisen Störungen in den Abläufen, wenn im Hochsommer wieder eine Grippewelle grassiert. Angenehm lebt es sich halt in der Gewerkschaftshängematte, zumal mancher Vorgesetzte seine Karriere auch der Gewerkschaftszugehörigkeit verdankt.

Norbert Singer, Berlin

Wenn es um das Thema Krankenstand geht, dominieren oftmals plakative Aussagen. Das gilt umso mehr, wenn es um den öffentlichen Dienst geht. Denn hier vermengen sich vereinfachende Erklärungsmuster. So steht die Behauptung im Raum, die Ausfallzeiten seien bei den Angestellten von Bund, Ländern und Kommunen extrem hoch. Als mögliche Erklärung wird auch gleich die Vermutung mitgeliefert, dass die Jobs sicherer seien als in der Privatwirtschaft und deshalb dort eher „krankgefeiert“ werde. Und Hand aufs Herz – wer hat nicht insgeheim schon einmal über Anreizstrukturen in öffentlichen Verwaltungen nachgedacht, wenn er im Bezirksrathaus hat warten müssen oder sich über die Gebührenerhöhung seines städtischen Versorgungsunternehmens geärgert hat? Statt Vorurteile sollten aber Fakten sprechen. Die zu erheben ist gleichwohl nicht trivial, denn Daten über Ursachen und Dauer von Krankschreibungen sind hoch sensibel. Nur einzelne Kassenverbände werten freiwillig und anonymisiert ihren Datenschatz aus. Zieht man beispielsweise den aktuellen Gesundheitsreport der Betriebskrankenkassen heran, dann rangierten die Arbeitnehmer der öffentlichen Verwaltungen im Jahr 2011 mit durchschnittlich gut 18 attestierten Krankheitstagen knapp dreieinhalb Tage über dem Durchschnittswert, aber nur auf dem vierten Rang von 22 Branchen des verarbeitenden Gewerbes und des Dienstleistungsbereichs. Dieser Befund scheint das Bild extrem hoher Krankenstände in den öffentlichen Amtsstuben zu relativieren. Denn die dokumentierten Ausfallzeiten lagen im Verkehrswesen, in der Abfallbeseitigung oder bei den Postdiensten zum Teil deutlich höher. Allerdings tauchen in diesen Branchen neben privaten Unternehmen (z. B. Speditionen oder private Zustelldienste) auch ehemalige Staatsbetriebe wie Post und Bahn auf. Und der Abstand zu anderen Dienstleistungsbranchen ist beträchtlich. Im Kredit- und Versicherungsgewerbe attestierten Ärzte im Schnitt 10,4 Kalendertage, in der Datenverarbeitung lag der Wert mit 8,2 Tagen sogar noch tiefer. Die Branchenzugehörigkeit verrät jedoch nicht alles, variiert der Krankenstand doch auch mit dem Beruf: In der öffentlichen Verwaltung reichte die Spanne laut BKK-Statistik von durchschnittlich 10,6 Kalendertagen, die Architekten und Bauingenieure zuletzt krankheitsbedingt ausfielen, bis zu 31,9 Tagen, die bei Wächtern und Aufsehern zu Buche schlugen. Offensichtlich entscheiden also der Beruf und deshalb der Berufsmix einer Branche mit über die Position im Ranking. Entsprechend dürften sich die Ergebnisse noch weiter auffächern, wenn man innerhalb der öffentlichen Verwaltung zum Beispiel Kommunen miteinander vergleicht, die bestimmte Dienstleistungen selber anbieten oder ausgelagert haben.

Sind die Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung damit rehabilitiert? Fragezeichen bleiben, denn für manche Jobs gilt, dass die Berufskollegen anderenorts „gesünder“ arbeiten. Im Gesundheits- und Sozialwesen z. B. fallen Bürohilfskräfte nur etwa halb so lange aus wie in der öffentlichen Verwaltung. Ähnliches gilt für Bauingenieure und Architekten, die unter „sonstigen Dienstleistungen“ erfasst werden. Umgekehrt waren aber Sozialarbeiter im Gesundheits- und Sozialwesen fast sieben Tage länger krankgeschrieben als ihre Pendants bei den Kommunen. Die Liste widersprüchlicher Eindrücke ließe sich fortsetzen.

Was angesichts dieser ambivalenten Befunde bleibt, ist das berechtigte Interesse des Steuerzahlers an einer effizient arbeitenden Verwaltung, sowie das Interesse der Beschäftigten an gesundheitsförderlichen Arbeitsbedingungen. Eine vereinfachende Zuschreibung von Ursachen hilft dabei wenig. Wie bei Unternehmen der privaten Wirtschaft gilt es auch im öffentlichen Dienst, sich vom Erkenntnisinteresse leiten zu lassen. Erst eine betriebsspezifische Analyse erlaubt zielführende Rückschlüsse für das Personal- und Gesundheitsmanagement.

— Dr. Jochen Pimpertz, Leiter des Kompetenzfelds Öffentliche Haushalte und Soziale Sicherung,

Institut der deutschen Wirtschaft Köln

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