Was WISSEN schafft : Erste Hilfe: Herzmassage statt Atemspende

Jedes Jahr sterben in Deutschland 80 000 Menschen am plötzlichen Herztod. Tausende von ihnen könnten gerettet werden: Denn richtig wiederbeleben ist gar nicht so schwer

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Hat weitgehend ausgedient: Maske für Wiederbelebungs-Übungen.
Hat weitgehend ausgedient: Maske für Wiederbelebungs-Übungen.Foto: dpa

Was tun Sie, wenn vor Ihren Augen ein Mensch plötzlich bewusstlos zusammenbricht, an der Bushaltestelle, dem Büro, in Ihrem Wohnzimmer? Hoffentlich das Richtige! Zunächst prüfen Sie, ob der Betreffende ansprechbar ist und noch normal atmet. Wenn nicht, rufen Sie unter 112 die Feuerwehr. Dann beginnen Sie mit der Herzmassage. Und zwar kräftig. 100 Mal in der Minute muss das Brustbein mindestens fünf Zentimeter tief eingedrückt werden. Ein schneller Rhythmus also, wie bei „Stayin’ alive“, dem Disco-Hit der Bee Gees.

Atmung prüfen, Feuerwehr rufen, Herz massieren – Leben retten ist gar nicht so schwer. Das signalisieren auch die Videoclips, die aus Anlass der „Woche der Wiederbelebung“ produziert wurden. In einem moderiert der Comedian Kaya Yanar eine Szene, in der ein überfressener und verwahrloster Dicker einem mit Pizzakartons überladenen Boten die Tür öffnet. Der Bote bricht tot zusammen, aber dank Yanars hilfreicher Kommentare schafft der Dicke es wider Erwarten, den Mann mit Herzmassage ins Leben zurückzuholen. In einem anderen Spot wird ein Bankräuber zum Ersthelfer, als er eine Frau reanimiert, die während seines Überfalls zusammengesackt ist. So weit, so lustig, mehr oder weniger.

Die Botschaft mag einfach klingen, aber für diese Schlichtheit bedurfte es eines Lernprozesses der Medizin. Am Ende stand: Weniger ist mehr. So ist man davon abgekommen, Laien den Puls des Bewusstlosen suchen zu lassen. Zu unsicher, langwierig, kompliziert. Und dann die Mund-zu-Mund-Beatmung! Auch von ihr hat man (fast) Abschied genommen. In den aktuellen Videoclips kommt die schwierige und zeitraubende Atemspende schon nicht mehr vor. Dennoch, sie wird weiter unermüdlich in den Ersthelferkursen von Deutschem Rotem Kreuz, Malteser & Co. gelehrt. Obwohl sie für viele Kursbesucher vermutlich eher abschreckende Wirkung hat.

Jedes Jahr sterben in Deutschland 80 000 Menschen am plötzlichen Herztod. Tausende von ihnen könnten mit rechtzeitiger Wiederbelebung gerettet werden, denn sie lässt die Überlebenschancen um das Zwei- bis Dreifache in die Höhe schnellen. Doch von denen, die außerhalb einer Klinik einen Herzstillstand erleiden, überlebt bislang weniger als jeder Zehnte.

Das liegt auch daran, dass einfach zu wenig geholfen wird. Nur bei 30 Prozent der Menschen, die vor den Augen anderer zusammengebrochen sind, wird Erste Hilfe geleistet. Selbst im Familienkreis ist das kaum anders. Vier von fünf Fälle von Herzstillstand ereignen sich zu Hause, und die Angehörigen sehen oft nur zu, statt zu helfen. Manchmal wird die Gefahr ausgeblendet, man hat Angst, etwas falsch zu machen, oder ekelt sich. Es gibt auch ein Tabu des Toten.

Allerhöchste Zeit also, dass eine Kampagne die Herzdruckmassage bei der Wiederbelebung ganz nach vorne stellt. Das kann helfen, die Scheu vor dem Handeln abzubauen. Studien aus dem Vorreiterland USA zeigen, dass tatsächlich mehr Laien Hand anlegen, wenn sie richtig informiert und geschult wurden.

Auch bei uns ändern sich die Dinge allmählich. „Wie erleben, dass mehr Leute zugreifen“, sagt der Herzspezialist Dietrich Andresen vom Berliner Vivantes-Klinikum. Und richtig zugreifen muss man, auch wenn dabei eine Rippe zu Bruch gehen kann. Schließlich geht es um Leben und Tod.

Der Sinn der Herzmassage besteht darin, die Zeit bis zum Eintreffen der Feuerwehr zu überbrücken. Auch ohne Beatmung hat der Körper genügend Sauerstoff für acht bis zehn Minuten. Es kommt darauf an, ihn ins Gehirn zu bekommen. Das ist durch den Kreislaufstillstand am meisten gefährdet, sein Überleben ist schicksalsentscheidend. Die energische und rasche Herzmassage erzeugt eine Art Ersatzkreislauf und kann die sauerstoffhungrigen Nervenzellen vor dem Untergang bewahren. Wer dagegen als ungeübter Laie glaubt, beatmen zu müssen, unterbricht diesen Kreislauf und verliert womöglich wertvolle Sekunden im Kampf ums Hirngewebe.

Wie immer in der Medizin gibt es Ausnahmen. Kinder, Ertrunkene und Drogenopfer müssen frühzeitig beatmet werden, weil bei ihnen das Problem Atemstillstand vorherrscht. Zahlenmäßig fallen diese seltenen Notfälle aber kaum ins Gewicht. In 99 Prozent der Fälle genügt die Herzmassage.

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