Weltwirtschaft : Der Untergang des Westens und die neuen Mächte

22.01.2012 17:55 UhrVon Dambisa Moyo
Die sogenannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China holen zu den westlichen Wirtschaftsmächten auf. Foto: dpa
Die sogenannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China holen zu den westlichen Wirtschaftsmächten auf. - Foto: dpa

Ab Mittwoch trifft sich die Weltwirtschaftselite in Davos. Die Industrienationen kommen als Schuldner der Schwellenländer. Wie sich Europa und die USA aus der Abhängigkeit befreien können.

So wie der Zweite Weltkrieg einen Wendepunkt markierte und sich das Kräftegleichgewicht zugunsten der USA verschob, so steht die Finanzkrise von 2008 für eine weitere Umwälzung: für die Verlagerung der Wirtschaftsmacht von West nach Ost, genauer gesagt, von den USA nach China.

In den vergangenen 500 Jahren war es der Westen gewesen, der die Welt dominierte und in vielerlei Hinsicht prägte. In Wirtschaft und Handel ist Englisch die Geschäftssprache, in der Politik gilt die westliche Form der Demokratie als größte Errungenschaft des Menschen.

Noch im entlegensten Winkel der Welt hört man westliche Musik (von Elvis über Michael Jackson bis Mozart und Bach), schwärmt für westliche Filmstars, fährt Autos mit westlichem Design, treibt westlichen Sport (Fußball, Tennis, Golf), liest westliche Schriftsteller und debattiert über westliche Philosophie und westliches Denken.

Nun befindet sich zum ersten Mal seit einem halben Jahrtausend der Osten wieder im Kommen, insbesondere China und Indien. Vorerst ist die Entwicklung vor allem in der Wirtschaft zu beobachten – doch früher oder später wird sie sich auch auf andere Bereiche erstrecken, daran besteht kein Zweifel.

Der britische Historiker Niall Ferguson beschreibt mit dem Begriff „Chimerika“ die Machtverlagerung vom Monopol der USA zu einem Duopol von China und Amerika. Eine kluge Formulierung, aber, um es mit den Worten Ronald Reagans im Wahlkampf um seine zweite Amtszeit als Präsident zu formulieren: „You ain’t seen nothing yet!“ (etwa: „Ihr ahnt ja nicht, was alles noch kommt.“) Chimerika ist erst der Anfang. Derzeit erlebt China eine zweite Revolution.

Nach der Kulturrevolution Mitte der 1960er Jahre ist jetzt die Wirtschaftsrevolution mit Tausenden von Möglichkeiten an der Reihe. Die wirtschaftliche Macht Chinas wächst täglich, ebenso sein politischer Einfluss, das Gefühl, wer man ist, sein Selbstbewusstsein und seine Fähigkeit, seine Ambitionen zu verwirklichen. Chinas große Stunde wird kommen. Aber heißt das auch, dass es für Amerika bereits zu spät ist? Und geht es hier wirklich nur um Gewinner und Verlierer – ein Nullsummenspiel, bei dem die USA automatisch verlieren, wenn China gewinnt?

Nach der Theorie der Pareto-Optimierung, die auf den italienischen Ingenieur und Ökonom Vilfredo Pareto zurückgeht, muss es nicht so sein; es gibt in der Wirtschaft durchaus Vorgänge, die niemandem schaden und mindestens einem helfen. Global betrachtet kann es also durchaus sein, dass China aufsteigt, ohne dass die USA untergehen. Es könnte sogar sein, dass beide aufsteigen. Das wird aber nur möglich sein, wenn Amerika einen Kurswechsel wagt.

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