Meinung : Wie damals bei der Anschnallpflicht

„Keine Helmpflicht für Fahrradfahrer“

vom 4. Juli

Der Autor Michael Cramer wiederholt die in einschlägigen Radfahrerforen verbreiteten Thesen, die dadurch aber nicht richtiger werden. Die Schutzwirkung des Radhelms bei entsprechenden Kollisionsarten ist in der Wissenschaft unbestritten. Die genannte Studie, nach der Autofahrer sich gegenüber Radhelmträgern risikoreicher verhalten, ist methodisch hanebüchen und sollte eigentlich für immer im Papierkorb verschwinden. Das Oberlandesgericht Schleswig hat einen Einzelfall gewürdigt und aus meiner Sicht im Rahmen üblicher Rechtsprechung entschieden, dass hier jedenfalls der Helm die Verletzungsschwere deutlich gemindert hätte. Herrn Cramers Frage, ob das Gericht die gleichen Maßstäbe für Cabriofahrer und Fußgänger angesetzt hätte, kann man getrost in den Bereich der Polemik einordnen. Die Antwort lautet: Natürlich nicht, denn die Wahrscheinlichkeit einer Kopfverletzung steht bei diesen Gruppen in keinem Verhältnis zu den sicherlich vorhandenen Komforteinbußen durch den Helm. Die Behauptung, eine flächendeckende Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h in Städten würde Radfahrer schützen, ist ebenfalls so nicht richtig. Und zwar im doppelten Sinne: Anders als von Herrn Cramer behauptet werden nämlich nicht die meisten Radfahrer von abbiegenden Pkw getötet, sondern sie sterben bei sogenannten Alleinunfällen ohne Einwirkung weiterer Verkehrsteilnehmer. Wenn Herr Cramer gesagt hätte, dass bezogen auf Kollisionen mit Kraftfahrzeugen die meisten Radfahrer beim Abbiegen des Kfz getötet werden, hätte er recht gehabt, allerdings wiederum nicht mit seiner Schlussfolgerung. Denn bei diesen Abbiegevorgängen liegt die Fahrgeschwindigkeit des Kraftfahrzeugs unter 30 km/h. Eine Begrenzung auf diese Geschwindigkeit würde hier also gar nichts bringen.

Siegfried Brockmann,

Leiter Unfallforschung der Versicherer, Berlin-Mitte

Wenn das Tragen eines Helms für den Radfahrer mit Gefahren verbunden ist, wüsste ich jetzt nur noch gern, warum Motorradfahrer eigentlich einen Helm tragen müssen – auch wenn sie nur einen Roller fahren.

Ich fahre auch mit dem Fahrrad durch die Stadt – meist mit Helm – und mein Eindruck ist dann, dass auch die anderen Autofahrer sich gemeinerweise überhaupt nicht darum scheren, ob und was ich auf dem Kopf trage. Vielleicht müsste ich Psychologe sein, um den Unterschied zu bemerken. Mir kommt das Ganze vor wie weiland die Diskussion um die Anschnallpflicht im Auto. Gab es da unter 1000 möglichen Unfallarten nicht auch so ungefähr zwei, bei denen der Gurt nicht schützt, sondern vielleicht sogar schadet? Sollten also auch die Autofahrer das Anschnallen lieber wieder bleiben lassen?

Dr. Thomas Lehmann,

Berlin-Zehlendorf

Herr Cramer stellt einen Sekundäreffekt heraus: Einem „unsicheren“ Radfahrer (ohne Helm) wird Sicherheit entgegengebracht. Dann weiter so: Sägen wir unsere Rahmen an und schrauben die Bremsklötze ab. Bei einem derart gefährdeten Radfahrer halten sicher alle Autos gleich an. Natürlich steht unser Verkehrsgeschehen in einer unseligen Spirale der Aggression; mit einem Lenkrad in der Hand verlieren leider viele Zeitgenossen sowohl Sozialverhalten als auch Vernunft. Aber nicht allein gegen die Radfahrer. Den grünen Traum eines beruhigten, aggressionsfreien Verkehrs durch weitere, bewusste Schwächung eines schwachen Verkehrsteilnehmers herbeiführen zu wollen, ist aber verantwortungslos. Eine substanzielle Lösung liegt in der Trennung von Auto und Fahrrad, wie es mit den Fahrradspuren verwirklicht wird. Fahrradwege stellen sicherheitstechnisch auch getrennte Wege dar. Oft sind sie aber wirklich in einem baulich unzumutbaren Zustand. Auch das Problem der Abbiegeunfälle kenne ich. Aber – ohne Vorwurf gegen die Opfer – ich kann mir die Ausgangssituation immer schlecht vorstellen. Wenn ich mit dem Fahrrad in eine Abbiegesituation komme, dann schaue ich doch rechtzeitig, ob es jemanden gibt, der womöglich unvorsichtig abbiegen wird. Vielleicht ein Lkw? Und dann stehe ich doch im Zweifelsfalle!

Aber auf verkehrsreichen Straßen mir einen Platz zwischen den Autos erzwingen zu wollen, löst nicht das Problem, sondern macht eines daraus. Insofern verstehe ich auch in keiner Weise den Radfahrclub mit dem ähnlichen Namen zu dem großen Automobilclub, so dass man an Gemeinsamkeiten im Geiste denken könnte, und der offenbar hofft, die Aggression der Autofahrer durch eine kämpferische Haltung der Fahrradfahrer beseitigen zu können. Das wird nicht klappen.

Holger Drost, Berlin-Zehlendorf

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