Wie das Berliner Verkehrschaos beheben? : Die Autofahrer müssen die Verlierer sein

Im Berliner Straßenverkehr läuft vieles schief. Radfahrer beachten oftmals die Regeln nicht, machen auch vor roten Ampeln nicht halt und steigen mitunter volltrunken auf ihren Drahtesel. Nur noch die Autofahrer sind schlimmer. Deswegen müssen die auch bluten.

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Stau in Berlin. Häufig sind Autofahrer mit dem Problem konfrontiert.
Stau in Berlin. Häufig sind Autofahrer mit dem Problem konfrontiert.Foto: dpa

Die Radfahrer? Schlimm. Militante Bremsversager auf zwei Reifen, unbeleuchtet, immer auf der falschen Seite. Und die Fußgänger! Verstopfen alles, sehen nie hin, ignorieren jede Ampel. Schlimmer sind nur noch die Autofahrer: Immer 20 km/h zu schnell, bei Gelbrot überall durch, Schneiden, Bedrängen, Anhupen – das volle Programm. Kurz: Durch die einfache Abschaffung dieser drei Problemgruppen wären unsere Verkehrsprobleme von einem Tag auf den anderen gelöst.

So weit die Theorie. Die alltägliche Praxis läuft etwas anders: Da die einfache Lösung nicht funktioniert, wird überall an den Symptomen herumgedoktert. So wie jetzt mit dem Plan, die Promillegrenze für Radler auf Autofahrerniveau zu senken. Zwar hat noch niemand nachgewiesen oder auch nur behauptet, dass betrunkene Radler ein wichtiges Problem darstellen – das tun eher die kühlen, klaren Kämpfer mit dem Sturzhelm, die sich rabiat durch die verstopften Städte schneiden wie Kettensägen durch den Wald. Aber es wird immerhin mal wieder was unternommen, nicht wahr?

Das Resultat: Der Bürger fühlt sich drangsaliert, in seinen Rechten beschnitten – und ahnt doch auch, dass diese neue Regel genauso für die Galerie geschrieben wurde und genauso wenig kontrolliert wird wie zahllose ähnliche Regeln zuvor. Ein neuer Tupfer ist gesetzt im Bild der Entfremdung von Staat und Bürger, nutzlos wie so viele kleinliche Vorschriften im täglichen Verkehrschaos.

Dabei hätten die Verantwortlichen allen Grund, dieses Chaos grundsätzlich anzugehen, denn die Großstadt entäußert sich immer mehr auf ihre Straßen und Wege. Der Just-in–time-Wahn und die Heute-bestellt-gestern-geliefert-Hektik lassen den Güterverkehr bis in die letzte Sackgasse anschwellen, die Flut der Großveranstaltungen aus wichtigen und nichtigen Gründen treibt immer mehr Menschen nach draußen und das universale Mobilitätsversprechen zeugt zudem immer neue Vehikel, die zusätzlichen Platz beanspruchen, wie der Boom der Elektrofahrräder beweist.

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Sicher Fahrrad fahren
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Der öffentliche Nahverkehr, der all diese Probleme lösen sollte, erstickt derweil unter den unmöglichen Anforderungen, er ist unpünktlich, unsicher, unsauber. Ja, es gibt Konzepte wie aus dem Märchenland, die in kompakten Studentenstädten wie Münster oder historisch geprägten Radfahrkommunen wie Kopenhagen Erleichterung schaffen können, aber für weitläufige deutsche Pendlermetropolen kaum geeignet sind. Und selbst wenn: Was sollen gehbehinderte Rentner, die nur noch mit dem Auto unter Menschen kommen, mit einem E-Bike anfangen? Gerade sie werden immer mehr, und gerade für sie ist die grenzenlose Fahrradbegeisterung eher eine Bedrohung.

Wie auch immer: Was der eine gewinnt, verliert der andere. Und es liegt auf der Hand, dass die Verlierer in diesem Nullsummenspiel ganz überwiegend die Autofahrer sein müssen, weil sie den größten Raum einnehmen und die meisten Probleme verursachen. Neue Schneisen für Schnellradwege, effektive Spuren für Busse und zusätzliche Trassen für Bahnen gehen zulasten des knappen Raums, aber ohne sie geht es nicht.

Also muss die Politik einen gut abgewogenen Interessenausgleich anstreben, bei dem sich niemand als Verlierer fühlen darf. In diesem Sinne ist eine sorgfältig geplante Autobahnergänzung wie in Berlin kein Widerspruch. Und in diesem Sinne sollten wir auch die wuchernden Tempo-30-Verhaue kritisch betrachten, die von der Fiktion getragen werden, eine vitale Innenstadt könne gleichzeitig eine Art Kurparkzone sein.

Es ginge leicht, wären wir alle ideale Verkehrsbürger, die bei Sturm und Regen vom Stadtrand ins Büro radeln, die das geteilte Elektroauto tagelang vorbestellen und den Urlaub ausschließlich per Bahn in St.-Peter-Ording verbringen – wie es die einschlägigen akademischen Utopien herbeisehnen. Doch das sind wir nicht. Wir sind – fast – alle egoistische Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger in einer Person. Und nur der Staat kann diese drei Dickköpfe miteinander versöhnen. Er hat dafür bessere Mittel als ausgerechnet neue Promillegrenzen.

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