Meinung : Wie funktioniert Fahrradverkehr in Berlin?

Foto: Jörn Hasselmann
Foto: Jörn Hasselmann

„Jeder Radfahrer zählt“ vom 16. September

Mir fällt besonders auf, dass viele Radfahrer „unerwartet“ stille Wege benutzen. Als ehemals Aktiver des ADFC habe ich mich engagiert, solche Routen vorrangig zu fördern, um Radfahrer von Lärm, Dreck, Gestank und Gefahr fernzuhalten. Abgesehen davon, dass Berlin viel zu wenig für Radfahrer tut, unterstützt der ADFC leider vorrangig das Anlegen von Radstreifen auf Fahrbahnen und stellt sich damit vor allem auf die Seite von schnellen, erfahrenen Alltagsradlern. Jungen und Alten z. B. hilft das nicht, die sich zu Recht auf Autowegen ängstigen. Ich möchte darauf hinweisen, dass vom Autoverkehr getrennte Radrouten den Autofahrern gut tun, da „störende“ Radfahrer auf „ihren“ Wegen seltener werden. Was die Argumentation für Radstreifen auf der Fahrbahn angeht, fände ich es hilfreich, wenn Unfallberichte und -statistiken klären würden, ob die von Rechtsabbiegern umgefahrenen Radfahrer sich auf Fahrbahnen oder getrennten Radwegen befanden; letztere werden argumentativ mit höherem Unfallrisiko verbunden.

Jürgen Weinert, Birkenwerder

Sehr geehrter Herr Weinert,

macht der ADAC seinen Mitgliedern eigentlich Angst vorm Autofahren? Auf dem Titel der Motorwelt 4/2013 ist ein vermutlich toter Radfahrer zu sehen. Von einem Auto von hinten angefahren. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Ist Rad fahren gefährlich? Im Jahr 2012 starben in Deutschland 3600 Menschen im Straßenverkehr, genau 406 oder elf Prozent davon auf dem Fahrrad. In Berlin waren es 15 getötete Radfahrer. Der Radverkehrsanteil an allen zurückgelegten Wegen beträgt bundesweit zehn, in Berlin sogar mehr als 13 Prozent.

Wie funktioniert Fahrradverkehr in Berlin? Gibt es die von Ihnen genannten Autowege wirklich? Die Gesamtlänge der Berliner Straßen ohne Autobahn beträgt 5300 Kilometer. Auf mehr als 80 Prozent davon gilt Tempo 30. Fahrräder sind Fahrzeuge und müssen laut Straßenverkehrsordnung die Straße benutzen. Die normale Fahrbahnnutzung durch Radfahrer ist also der Normalfall und die sicherste Form der Fortbewegung.

Radwege bilden auch in Berlin die Ausnahme: Insgesamt 1073 Kilometer Radverkehrsanlagen gibt es im öffentlichen Straßenland, davon 712 Kilometer bauliche Radwege. Hinzu kommt ein Netz von 175 Kilometern Radfahrstreifen auf den Fahrbahnen und 400 Kilometer Wege zum Rad fahren in Grünanlagen. Für viele Fahrradfahrer sind Radverkehrsanlagen der entscheidende Grund im Alltag oder in der Freizeit aufs Rad zu steigen. Im Tourismus haben die asphaltierten Fahrradstraßen in Brandenburg vor rund zehn Jahren die Initialzündung gegeben. Bei den Ausflügen von Berlinern ins Umland ist Radfahren die Freizeitaktivität Nummer Eins - weit vor Wandern, Reiten, Golfen, Baden oder Wassersport.

Im Alltag war der Neustart auf dem Fahrrad eng mit der Fußball-Weltmeisterschaft im Supersommer 2006 verbunden. Die ersten Radfernwege und lange Abschnitte des neuen Berliner Fahrradroutennetzes waren bereits befahrbar. Als damals viele Straßen wochenlang für den Kfz-Verkehr gesperrt wurden, entdeckten auch Neueinsteiger, wie schnell und angenehm man mit dem Rad durch Berlin fahren kann.

Wie sicher sind Radverkehrsanlagen und warum gab es bis 1998 eine allgemeine Benutzungspflicht? Mit der Einführung der Reichs-Straßenverkehrs-Ordnung am 1. 10. 1934 wollten die Nationalsozialisten zu den Olympischen Sommerspielen 1936 „dem staunenden Ausländer“ zeigen, dass der „Kraftfahrer nicht nur auf Autobahnen, sondern auf allen Straßen durch Radfahrer freie, sichere Bahn findet“, hieß es in einer Pressemitteilung des Reichsverkehrsministeriums.

Baulich angelegte Radwege und deren Benutzungspflicht waren teuer erkauft: 81 Prozent aller schweren und tödlichen Fahrradunfälle in Kreuzungsbereichen wurden von der Berliner Polizei auf jenen baulichen Radwegen registriert. Mit neu markierten Radspuren auf den Fahrbahnen sollten Radfahrer von den Gehwegen zurück ins Sichtfeld der Autofahrer geholt werden. Am Kreuzungspunkt der Busspur Karl-Liebknecht-

Straße Ecke Spandauer Straße werden täglich bis zu 12 300 Radfahrer gezählt. In der Kastanienallee Ecke Schwedter Straße sind es 7000 Radfahrer und damit mehr als Autos in diesem Straßenzug. Natürlich müssen auch mit dem Rad Einkäufe, der Weg zur Arbeit und zurück zur Wohnung erledigt werden.

Der erste Versuch einer automatischen Zählstelle mit bis zu 4000 Radfahrern pro Tag am Schwedter Steg ist ordentlich, aber nicht überraschend. Viel überraschender ist dagegen, wie sich Berlin so viele Jahre um eine gleichberechtigte automatische Zählung des Fahrradverkehrs herumdrücken konnte. Die Verkehrsinformationszentrale VIZ greift z. B. in Echtzeit auf 1170 Zählpunkte für den Kfz-Verkehr zurück. Hinzu kommen Verkehrskameras und lokale Zählschleifen an jeder der rund 2000 Lichtsignalanlagen. Dagegen nehmen sich die zehn geplanten automatischen Radverkehrszählstellen für Berlin bescheiden aus. So entstehen Vorurteile zur Verkehrssicherheit und Nachteile bei geplanten Investitionen.

—  Benno Koch, Journalist, Fahrradbeauftragter des Berliner Senats in den Jahren 2003-2009

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