Meinung : Wie viel Osten steckt im Einheitsdeutschland?

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„Die offene Gesellschaft und das Erbe der DDR“

vom 3. März

Eine Antwort auf Zafer Senocak: Er erklärt, dass die alte Bundesrepublik kaum ein Integrationsproblem gehabt habe, erst die neue. Nicht die neue, vielmehr die alte Bundesrepublik empfindet der in Ankara Geborene, der mit acht Jahren nach Oberbayern kam, als Heimat. Seine Bilanz von bald 22 Jahren Einheitsdeutschland: „Es liegt ein Mief über diesem Land, der inzwischen auch auf den Westen abfärbt. Denn der Osten scheint die Sehnsucht der Deutschen nach einem ungebrochenen Deutschsein besser zu bedienen als der multikulturelle Westen mit seiner Vielsprachigkeit und Vielfarbigkeit.“ Lieber Herr Senocak, Sie unterstellen viel, unter anderem diese sehr genaue Sehnsucht, eine Sehnsucht der Deutschen nach "ungebrochenem Deutschsein". Sie sind ein Dichter, Sie wissen – denn wer sollte es besser wissen als ein Dichter? –, dass Sehnsüchte etwas sehr Vages sind. Und eigentlich nie ins allzu Enge, Festumgrenzte wollen. „Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht“, hieß ein Aufsatzband von Christa Wolf. Sehnsucht in der DDR ging immer ins Ungebundene, ins Offene. Konnte dieses Sich-ins-Freie-

Wünschen wirklich zur Stickluftwolke werden, zur gesamtdeutschen atmosphärischen Störung? Wie viel Osten genau ist in der Bundesrepublik, wenn wir die von Ihnen unterstellte Klimakatastrophe abziehen? Eigentlich gar nichts, rein strukturell gesehen. Viel ist das nicht. Die deutsche Einigung war, jeder weiß es, eine Übernahme. Der Markt wird es richten!, lautete der Ruf der Einheitsstunde. Zur Entlastung der Rufer sei gesagt, dass sie das wirklich geglaubt haben, gewissermaßen als Agenten der Geschichte selbst: Mit dem Ende des Ostblocks begann der Hochbeschleunigungskapitalismus. Natürlich ist noch etwas anderes übrig aus der DDR, eine – leicht heideggernd gesprochen – bloße Vorhandenheit: Die Menschen sind noch da, genauer die, die noch nicht weggegangen sind. Also vor allem Angehörige der beiden Generationen, die, wie Sie sagen, „keinerlei Sozialisation in einer freiheitlichen Demokratie“ hatten. Sie vermuten die zwischen 1930 und 1960 Geborenen als Urheber der zunehmenden Geruchsbelästigung. Ihr Artikel, geschrieben aus der „Liebe zu diesem Land, das es nicht mehr gibt“, gehört zwar zum Genre der „Wann wird es wieder so sein, wie es nie war?“-Literatur, aber welches sollte man ernster nehmen? Man kann eben niemandem sagen: Liebe dieses Land! Und wirkliche Integration ist wohl das plötzliche, verwunderte Bemerken, dass man längst schon ein wenig damit begonnen hat. Sie spiegeln den fremden Blick, der Uneinheimische mitunter in Ostdeutschland trifft, einfach zurück. Ich halte die Tendenz Ihrer Aussage, ohne die Ostler hätten wir kein muslimisches Integrationsproblem, für dramatisch unterkomplex. Schon weil sie verkennt, dass die Ostler auch nur Migranten sind, bloß eben, sagen wir, statische Migranten. Sie mussten nicht erst auswandern, um in einer anderen Welt anzukommen. An der Oberfläche scheint wenig dafür zu sprechen, aber die beiden Migrantengruppen sind beinahe Schicksalsgefährten: Das endende Industriezeitalter, die Abwertung einfacher Arbeit traf beide besonders hart. Auf Fotografien aus den 60er und 70er Jahren tragen türkische Frauen und Mädchen fast nie Kopftücher, nicht einmal Anfang der 90er in Kreuzberg war das auffällig. Was ist da geschehen? Selbstentlassung aus der Integration in Folge von Fremdentlassung? Und die Ostler? Sie meinten, Geschichte zu machen, und wunderten sich im nächsten Augenblick, was die Geschichte inzwischen aus ihnen gemacht hatte: eine soziale Hochrisikogruppe, Neugekrümmte. Es gibt keinen aufrechten Gang zum Arbeitsamt. Migration Überzähliger nach innen. Rückkehr in letzte bewohnbare, scheinbar sichere Provinzen, ob es der Islam ist oder eine Vergangenheit, die es so nie gab. Es ist immer problematisch, wenn Menschen zu Hinterbliebenen ihres eigenen Lebens werden, und noch bedenklicher, wenn sich Kinder zu Exekutoren des Zwiespalts ernennen, in den sie hineingeboren sind. Vielen Jugendlichen in Brandenburg wie Kreuzberg fehlt das Gleiche: Ein gelassenes Selbstbewusstsein. Aber wird es nicht auch vielen anderen immer schwerer, es zu wahren? Eine fundamentale Balance ist in dieser Gesellschaft gestört, das Gleichgewicht von Freiheit und Sicherheit. Wer hier Geruchsimporte aus dem Osten diagnostiziert, muss ein Romantiker sein.

Senocak möchte den freiheitlich-demokratischen Westwind wieder spüren. Aber da war 1989 auch ein ebensolcher Ostwind, und der wehte schon vorher in der „Übergangsgesellschaft“ DDR, viel verhaltener, oder manchmal auch nur als Zyklon innen. Christian Petzolds Film „Barbara“ ist diese Woche angelaufen. Ein Westdeutscher porträtiert mit geradezu unheimlicher Präzision diesen Zyklon bei äußerer Windstärke Null.

wie viel Osten ist in der Bundesrepublik? Natürlich, da ist noch Angela Merkel und demnächst wohl Joachim Gauck, zwei ost-norddeutsche Protestanten aus strukturschwächstem Gebiet an der Spitze der Bundesrepublik, zwei Mitglieder der exemplarischen Problemgeneration. Aber wollte man an ihnen den Grad tatsächlicher Ostprägung des Westens ablesen, könnten auch Sie, lieber Zafer Senocak, deutsches Staatsoberhaupt sein.

— Kerstin Decker, Autorin. Sie veröffentlichte

mit ihrem Mann Gunnar Decker den Titel:

„Über die unentwickelte Kunst, ungeteilt zu erben.

Eine Deutschstunde“, Karl Dietz Verlag Berlin.

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