Meinung : Willy Brandt und Persil

Zum 100. Geburtstag von Willy Brandt

Der Artikel „Willys Weg“ zur Spurensuche zum Geburtstag von Willy Brandt kann durch eine Anekdote ergänzt werden, die auf einer wahren Begebenheit im Jahre 1948 beruht. Mit dem Erscheinen der D-Mark auch in Westberlin wurde schlagartig die wirtschaftliche Lage von Zeitungen prekär, weil der lesehungrige Berliner nicht mehr täglich mehrere Zeitungen kaufte und nun jeden Groschen umdrehen musste.

Brandt war in dieser Zeit Chefredakteur der Tageszeitung des Landesverbandes der Berliner SPD „Der Sozialdemokrat“. Sein Verlagsleiter Schmidt rief am Nachmittag eines Tages in der Wirtschaftsredaktion an und sagte zum zuständigen Redakteur (das war ich): „Herr Weisse, wenn wir in der morgigen Ausgabe nicht was zum Neustart von Persil bringen, sind wir pleite, weil wir dann die Anzeigenserie nicht kriegen!“ Der Hintergrund war, dass der Henkel-Konzern bundesweit die erste Werbekampagne für einen alten Markenartikel startete und allen Redaktionen PR-Material zugeschickt hatte, von dem ich bereits einen Zweispalter in die Setzerei geschickt hatte, weil das Wiedererscheinen von Persil jede Hausfrau interessiert. Als ich am Abend zum Umbruch in die Setzerei runterging, sagte mir der Metteur (damals Bleisatz): „Diesen Zweispalter stellen wir nicht rein. Die SPD hat 1933 mit dem Kapitalismus paktiert, diesmal machen wir das nicht!“ Ich sagte zu ihm: „Herr Mattuscheck, was in die Zeitung kommt, entscheidet allein die Redaktion“ und ging rauf zum Chefredakteur. Brandt sagte sofort: „Wenn Schmidt das sagt, dann machen wir das.“ Der kleine Arbeiteraufstand in der Setzerei, den ich schilderte, interessierte ihn nicht. Auf einem Stuhl in der Ecke der Chefredaktion saß lächelnd die elegante Rut Brandt, die übrigens von SPD-Frauen kritisch empfunden wurde: „Die passt nicht zu uns“. Ich lief wieder in die Setzerei, alles lief, wie es die Redaktion wollte. Der Zweispalter stand schon auf Seite. Dieser Vorgang ist ein Beispiel, wie pragmatisch Willy Brandt dachte. Er propagierte in der Partei keinen Sozialismus mit Thesen zur Revolution und Verstaatlichung, sondern kämpfte realistisch und ohne Ideologie um die Macht in der Partei. Die damalige SPD-Führung mit den Vorsitzenden Frantz Neumann und Kurt Mattick empfingen ihn nicht mit offenen Armen. Ihre Aufgabe aber als politische Lokalpatrioten war erfüllt, d. h., die SED war gescheitert, über die Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD in ganz Berlin die kommunistische Herrschaft zu etablieren. Brandt verstand es, die Funktion des Chefredakteurs für seinen Kampf um die Macht in der Partei zu instrumentalisieren. Es dauerte bis 1957/58, bis er Regierender Bürgermeister und Parteivorsitzender wurde. Seine Mission als deutsch-europäisch und international geprägter Politiker, der schon in der Nazizeit für Demokratie kämpfte, ging auf – ein Glücksfall für Berlins Freiheit.

Gerhard Weisse, Berlin-Westend

Als Ostdeutscher bemerke ich, dass die Leistung von Willy Brandt auf dem Weg zur deutschen Einheit kaum genannt wird. Dazu folgende Gedanken:

Es gab drei Väter der Teilung Deutschlands: Adolf Hitler, denn im Wesentlichen war die Teilung eine Folge des Weltkrieges und des deutschen Völkermordens. Harry Truman, denn um die Kriegskonjunktur in den USA nicht in eine Rezession münden zu lassen, begann er den Kalten Krieg gegen den Kommunismus und entwickelte Westdeutschland als loyalste Provinz der USA und Standbein in Europa. Deutschland wurde geteilt und der Truppenstationierungsplatz über die NATO zusätzlich abgesichert. Konrad Adenauer, der mit der Bundesrepublik für einen Teil Deutschlands den westlichen Weg sicherte, den zurückgelassenen Teil als Sowjetzone diffamierte und 1952 – wie auch die USA – das Angebot der Sowjetunion zur deutschen Einheit ablehnte: „Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb“.

Als Väter der Einheit mache ich vor allem drei aus: Willy Brandt, der durch die Versöhnungs-Ostpolitik ein Entspannungsklima erreichte und damit auch dazu beitrug, dass in der Sowjetunion anstatt weiterer Hardliner Gorbatschow an die Spitze kam, Michail Gorbatschow, der mit seiner Perestroika den Ostdeutschen die Chance zur Selbstbestimmung gab, und schließlich die Ostdeutschen, die eine Wende und damit die Einheit erreichten.

Dr. Volker Manhenke, Kleinmachnow

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