Wilmanns Kolumne : Wem gehört der deutsche Fußball?

Mit Milchmädchenrechnungen und einseitiger Berichterstattung wird krampfhaft versucht, der Öffentlichkeit ein Bild vom gefährlichen Stadionbesuch einzubläuen. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die Klubs den DFL-Maßnahmenkatalog nun reihenweise abblitzen lassen.

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Tiefe Gräben zwischen Fans und Funktionären.
Tiefe Gräben zwischen Fans und Funktionären.Foto: dpa

Der als Allheilmittel gepriesene Maßnahmenkatalog „Sicheres Stadionerlebnis“ der DFL wird derzeit im milden Licht des Herbstes 2012 fein säuberlich ausgeweidet, gewogen und auf den Kompost der Fußballgeschichte entsorgt. Kurz hintereinander sprangen, stand Mittwochmittag, zehn Erst-und Zweitligisten vom Zug der Lobbyisten ab. Nach eingehenden Beratungen stellten die Funktionäre der zehn Clubs fest, dass die eigentlichen Adressaten des listigen Papiers, die Fans, bisher überhaupt nicht gefragt wurden.

Schon der selige Joseph Beuys meinte, Demokratie wäre lustig. In den letzten Wochen fanden deutschlandweit Fans geordnete Worte und kritisierten den Alleingang einer kleinen Gruppe, nennen wir sie der Einfachheit halber mal: DFL-Bosse. Hier Boss, dort Normalmensch. Da Geldausgeber, hier Geldmann. Da haben wir sie also wieder, die Generalangst aller Funktionäre und scheinheiligen Interessenvertreter, die Maske des Schreckens: der mündige Fußballfan, der sich so seine Gedanken macht.

Wem gehört der Fußball? Den sich schon fast stalinistisch gebenden DFL-Funktionären, den Stadionbetreibern, den Bierbrauern, den Medien, Politikern, den Fußballclubs? Der Fan steht in dieser Kette ganz hinten, fährt ihm ein Pups aus dem Rücken, findet sich sogleich ein Staatsdiener ein, mindestens mit der Kehrschaufel gewappnet.

Der Öffentlichkeit wird seitens der DFL, diverser Innenminister und sonstiger Politoffiziere und der Gewerkschaft der Polizei im Stakkato eingebläut, wie gefährlich Stadionbesuche sind. Milchmädchenrechnungen bezüglich der Gefährlichkeit von Pyrotechnik und der ansteigenden Fangewalt haben Hochkonjunktur. Milchmädchen kann ich auch: Warum interessiert sich die Öffentlichkeit kaum bis gar nicht für die toten deutschen Soldaten in Afghanistan, oder die Polizeiberichte der Randale und das Komasaufen beim Oktoberfest in München? Weil es ihnen nicht täglich um die Ohren gefeudelt wird? Weil sie dafür nicht „sensibilisiert“ werden? Welche Nachrichten dringen wieso und warum durch den Vorhang, bzw. bleiben dahinter versteckt? Wenn ich lauthals ein Alkoholverbot wegen Sicherheitsbedenken beim größten Sauffest der Welt fordere, werde ich ausgelacht.

Wenn im Gegenzug die DFL Ganzkörperkontrollen von Fans anregt, klatscht der Polizist Beifall. Ganzkörperkontrollen sind für mich Methoden des Polizeistaats jenseits der Menschenwürde. Vermeintliche Fangewalt steht häufig nach diversen Spielen im Polizeibericht und landet meist fix in den Medien. Was ist mit völlig unangemessener, brutaler Polizeigewalt gegenüber Fans? Beides findet statt. Doch wir lesen und hören meist nur von verletzten Polizisten.

Die Gegenseite der Diskussion um sichere Stadionerlebnisse, die Fans, die Fananwälte bzw. die Fanprojekte, kommen in den Medien so gut wie gar nicht zu Wort. Gibt es aktuell überhaupt einen Aufschrei der durchschnittlichen Stadionbesucher? Fühlen sich normale Zuschauer bedroht? Kann man sein Kind, seine Oma nicht mit in die Arenen nehmen, weil dort Mord und Totschlag an der Tagesordnung sind? Nein, albernes Gewäsch, statistisch gesehen ist ein Stadionbesuch ein harmloses und ungefährliches Unternehmen. Also her mit staatlich unabhängigen Studien zur Gewalt in den Stadien! Ich will empirische Untersuchungen und kein Tagesgedöns von Innenministern und Polizisten, das ist eine einseitige Sicht. Ich will Fachleute hören und keine Rohrdommeln der Nationalen Sicherheit.  

 

Beim 1. FC Union Berlin hat traditionell der Fan ein großes Mitspracherecht. Je kleiner der Club, desto mehr wagt man Demokratie. Die Großkopferten des deutschen Fußballs hielten es bisher nicht für nötig, in der aktuellen Diskussion für ihre Fans in die Bresche zu springen. Die landläufige Meinung ist, im Fan einen konservativen Deppen zu sehn, dessen Geld man gern in Empfang nimmt. Sei es im Stadion oder vor der Glotze. Selbst im „Unterschichtenfernsehen“ hat man den Fan noch nicht ausreichend als Zielgruppe definiert und widmet ihm Sendungen wie: Erst Schalke dann Mutti- RTL sucht DIE fleißige Ruhrpottbiene mit Herddrang.

 Zurück vom Ungeist deutscher Medienschaffender zum deutschen Herbst. Unioner laden am 1.11.2012 High Noon zum Fangipfel nach Berlin. Der Fußball geht vom Volke aus, alle Fanprojekte und Fanvertreter der Clubs von Liga 1 bis Liga 3 sollen sich einfinden, um über UNSEREN Fußball zu reden. WIR und UNSER, das sind die wesentlichen Worte der Einladung, es kann laut einladender Unioner nicht sein, dass eine kleine Minderheit von Funktionären und Lobbyisten über den Fußball bestimmt. Akzeptanz, Dialogbereitschaft und Augenhöhe sind die Worte der Stunde. Die Fans sind dazu bereit, ärgerlich genug, dass sie das überhaupt formulieren müssen. Die Funktionäre sind im Widerstand, doch ihre Front bröckelt. Der ehemalige Sicherheitsbeauftragte des DFB, der inzwischen in Katar angestellte Helmut Spahn, äußerte aktuell in 11Freunde: „Man muss es mal so deutlich sagen: Es unterhalten sich teilweise Personen über Themen wie Pyrotechnik, Gewalt, Stadionverbote oder Sicherheitsrichtlinien, die von der Materie nullkommanull Ahnung haben“.

Damit meint er nicht die Fans, sondern DFL-Funktionäre, DFB-Greise, medienaffine Politiker. Zum Thema Gewalt im Stadion sagt Spahn: „In der Saison 2010/11 gab es 846 Verletzte in Erster und Zweiter Bundesliga, im Übrigen bei weitem nicht alle verursacht aufgrund gewalttätiger Auseinandersetzungen. Jeder Verletzte ist einer zu viel, aber diese Anzahl weist das Oktoberfest an einem einzigen Tag auf.“

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass wir diese Worte aus dem Mund eines ehemaligen Sicherheitsbeauftragten hören. Hat der aktuelle Sicherheitsbeauftragte keine eigene Meinung, oder darf er keine haben?

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