Wissenschaftskolumne : Wie die Saudis die Forschung am Corona-Virus behindern.

Als vor zehn Jahren in China Sars ausbrach, spielten die Behörden das Problem zunächst herunter. Doch erst, als sich Forscher international vernetzten, bekam das Land die Krankheit in den Griff. China hat heute daraus gelernt. Saudi-Arabien aber droht gerade, im Fall des Corona-Virus denselben Fehler zu machen.

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Ein Mann, aufgenommen mit Mundschutz vor einem Krankenhaus in Dammam, Saudi-Arabien. Die neue Form des Corona-Virus, die in dem Land grassiert, wird von Mensch zu Mensch übertragen.
Ein Mann, aufgenommen mit Mundschutz vor einem Krankenhaus in Dammam, Saudi-Arabien. Die neue Form des Corona-Virus, die in dem...Foto: Reuters

Als China im April die ersten Fälle einer neuen Vogelgrippe an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldete, war die Skepsis groß. Sofort ging das Gerücht um, dass die chinesischen Behörden das neue Virus vermutlich erst vertuscht hätten und nun verharmlosten. So wie vor zehn Jahren. Damals ging Sars um die Welt – ein neues Coronavirus, das schwere Lungenentzündungen und Atemnot verursachte. China brauchte drei Monate, ehe es die Welt über die seltsame neue Krankheit im Südosten des Landes informierte, und schickte gleich hinterher, dass der Ausbruch unter Kontrolle sei. Dann erreichte das Virus Hongkong. In den nächsten fünf Monaten infizierte es mehr als 8000 Menschen in 30 Ländern. Jeder zehnte Patient starb. Erst als China offen mit ausländischen Wissenschaftlern und der WHO zusammenarbeitete und alle Kranken rigoros isoliert wurden, konnte Sars eingedämmt werden.

Das Land hat daraus gelernt. Wenn es um neue Viren geht, ist es nun ein Musterschüler an Transparenz. Unmittelbar nachdem die Seuchenbehörde die ersten Vogelgrippefälle in Schanghai gemeldet hatte, stellte sie die Gensequenzen der Viren allen Forschern im Netz zur Verfügung. Knapp zwei Wochen später wurden Virenproben an alle WHO-Grippelabore geschickt, einschließlich Taiwan. Internationale Experten durften sich vor Ort ein eigenes Bild machen. Mittlerweile gibt es erste Forschungsergebnisse zur Übertragbarkeit, es werden Impfstoffkandidaten entwickelt, mehr als 100 Patientenakten sind ausgewertet. Die Fachwelt lobt China unisono. Mehr geht nicht in so kurzer Zeit.

Doch die neue Vogelgrippe ist nicht das einzige Virus aus dem Tierreich, das im Moment auf den Menschen überspringt. Im Nahen Osten hat ein Verwandter von Sars das Kunststück geschafft. Bisher weiß die WHO von 44 Patienten, die wegen dieses neuen Coronavirus unter Atemnot, Lungenentzündungen, aber auch Nierenproblemen und Durchfall litten. 23 starben. Zwei Aspekte beunruhigen Experten: Etliche Patienten steckten sich im Krankenhaus oder bei Familienangehörigen an, das Virus ist also von Mensch zu Mensch übertragbar. Und die meisten Erkrankten kommen aus Saudi-Arabien. Zu den heiligen Stätten in Mekka und Medina pilgern jedes Jahr Millionen Menschen – etwa eine Million werden bereits während des Ramadan im Sommer erwartet. Unter ihnen sind Alte und Kranke, die das Virus hart trifft. Auf der Heimreise könnten sie es in alle Welt tragen.

Die Reaktion Saudi-Arabiens auf die neue Gefahr aber wirkt wie ein Echo aus dunkelsten Sars-Zeiten. Die Warnungen des Virologen Ali Mohamed Zaki, der das Virus bereits vor einem Jahr bei einem Patienten im saudischen Jeddah entdeckt und zur Analyse nach Rotterdam geschickt hatte, liefen auf der arabischen Halbinsel monatelang ins Leere. Erst als Zaki sich entschloss, sein Wissen mit der Fachwelt zu teilen, meldete Saudi-Arabien im letzten Herbst erste Fälle an die WHO. Zaki verlor seine Stelle.

Bis heute hat es Saudi-Arabien nicht geschafft, der Forschung auch nur eine einzige Gensequenz des inzwischen „Mers“ getauften Virus zur Verfügung zu stellen. Im Netz abrufbar ist nur die saudische Sequenz, die in Rotterdam entschlüsselt wurde. Die anderen vier stammen aus Großbritannien, Deutschland und Jordanien, wo es einzelne Fälle gab oder Patienten aus der Region behandelt wurden. Erst seit in einer kleinen Privatklinik im Osten Saudi-Arabiens mehr als 20 Patienten und Angestellte krank wurden, meldet das Land regelmäßig neue Fälle an die WHO. Detaillierte Berichte, wie es den Patienten erging? Fehlanzeige. Proben verschickt das Land jetzt ausschließlich in die USA.

Inzwischen ging wertvolle Zeit verloren. Dafür können wir nichts, behauptet Ziad Memish, stellvertretender Gesundheitsminister Saudi-Arabiens. Vielen Forschern seien zum Beispiel durch ein Patent der Rotterdamer Virologen die Hände gebunden. Doch die Niederländer verlangen lediglich die Unterschrift unter eine „Material-Transfer-Vereinbarung“, bevor sie Virusproben kostenfrei verschicken. Das sei Standard, sagen sie. Schon um zu garantieren, dass mit den Viren nur unter angemessenen Sicherheitsvorkehrungen gearbeitet wird. Mehrfach haben sie und Sars-Experten wie Christian Drosten von der Uni Bonn ihre Diagnostik und ihr Wissen den Saudis angeboten. Die Hilfe wurde nicht angenommen.

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