Zeitungssterben : Hört auf, euch selbst zu bemitleiden

Es gibt ihn nicht, den einen großen Schuldigen der Zeitungskrise. Manager haben dazu beigetragen, Journalisten auch. Jetzt vereinen sie ihre Kräfte im Jammern, statt mit vereinten Kräften dem Jammer zu trotzen, meint der ehemalige Chefredakteur des "Stern".

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Journalismus, der schönste Beruf der Welt. Doch wo kommen all die Entlassenen unter?
Journalismus, der schönste Beruf der Welt. Doch wo kommen all die Entlassenen unter?Foto: dpa

Beim folgenden Text handelt es sich um ein einmaliges Sonderangebot, denn er kann sowohl als Nestbeschmutzung wie als Nestbereinigung verstanden werden. Letztendlich geht es um eine Familienangelegenheit. Die in gedruckten oder versendeten Nachrufen auf die „Frankfurter Rundschau“ und die „Financial Times Deutschland“ verkündete Krise des Journalismus ist nämlich erstens nicht neu, weil es die gibt, seit die ersten Journalisten, die Jünger Jesu, ein Publikum für ihre Botschaften suchten. Und die Krise ist zweitens nicht ausschließlich die Schuld der für Journalisten üblichen üblen Verdächtigen, zum Beispiel der Redaktionen zusammenlegenden oder Spesen für notwendige Recherchen kürzenden Manager.

Wenn sich ein Geschäftsmodell durchsetzt, das vorsieht, dass ein einzelner Chefredakteur, offensichtlich hoch begabt, ein Blatt pro Werktag verantwortet und am Sonntag auch noch die Versuchsküche seines Großverlages leitet, kann man sich tatsächlich am Ende alles sparen. Wenn im Streit zwischen publizistischem Auftrag und ökonomischen Zwängen immer nur die Ökonomie gewonnen hätte, dann wären viele große Verleger heute nichts weiter als eine Fußnote der Nachkriegsgeschichte. So betrachtet wird die Medienbranche zukünftig überhaupt doch viel ertragreicher ohne Journalisten, nicht wahr? Nicht wahr.

Oder unterhalten mit jenen Billigkräften, die das glauben, was ihnen sogenannte Fernakademien versprechen. Auf einer Homepage beispielsweise wird „von Grund auf das A und O für erfolgreichen Journalismus“ angeboten. Sowohl „für Berufsanfänger“, als auch für jene, „die ihre journalistischen Fähigkeiten ausbauen wollen“. Wer den zwölf Monate dauernden Schnellkurs bezahlt hat, kann sich „fachlich kompetent und journalistisch stilsicher ausdrücken“ und ist damit „bestens gewappnet, um Redaktionen mit journalistischem Können zu überzeugen und attraktive Karrierechancen in der Medienwelt wahrzunehmen.“ Nach „erfolgreicher Bearbeitung aller Einsendeaufgaben gibt es als Nachweis der erworbenen Qualifikationen das Fernakademie-Zeugnis Journalist/in“, als „Certificate“ gern auch auf Englisch.

Der Autor ist Journalist. Jürgs war Chefredakteur von „Stern“ und „Tempo“. Von ihm erschien zuletzt das Buch „Codename Hélène: Churchills Geheimagentin Nancy Wake und ihr Kampf gegen die Gestapo in Frankreich“.
Der Autor ist Journalist. Jürgs war Chefredakteur von „Stern“ und „Tempo“. Von ihm erschien zuletzt das Buch „Codename Hélène:...Foto: ddp

Doch die Krise des Journalismus ist auch eine Krise der Journalisten, also mitunter selbst verschuldet und nicht stets Schuld der anderen (der Leser zum Beispiel, die online das Weite suchten statt die Nähe des Zeitungsladens). Die beiden am Kiosk Ausliegenden, dem Tod Geweihten, hinterlassen trauernde Angehörige der Familie Journalismus. Wer nimmt sie auf und in die Arme? Wer bietet den jetzt Entlassenen, so viele Talente, so viele hoffnungsvolle Junge, so viele erfahrene Alte ... auf dem weiten Feld Journalismus, das eben nicht nur gedüngt werden darf von Renditebauern, noch eine Zukunft?

Jede Zeitung von heute ist morgen immer noch nützlich, um am Marktstand mit den Sportseiten Fisch einzuwickeln oder zu Hause mit dem Wirtschaftsteil nasse Stiefel auszustopfen oder abends mit dem Feuilleton das Kaminfeuer zu entzünden. Gedruckte Zeitungen bleiben deshalb weiterhin unersetzlich.

Wenn alle Qual der Guten den Tod nicht verhindern konnte, weil potenzielle Leser sich mit dem begnügten, was sie kostenlos im Netz fanden, kann das Ende von „Frankfurter Rundschau“ und „Financial Times Deutschland“ nicht einfach damit begründet werden, dass in der digitalen Welt die „brutale winner-takes-it-all-Regel“ herrscht (Manager Marc Walder vom Schweizer Ringier-Verlag zur Süddeutschen Zeitung). Denn Qualität entfaltet sich in allen Formen. Und für neue Geschäftsmodelle sind nicht wir Journalisten zuständig, sondern die Manager. Wir fragen ja auch nicht bei denen nach, wie man recherchiert, enthüllt, schreibt.

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