Zur Rede von Sibylle Lewitscharoff : Vogelfrei statt Meinungsfreiheit

Ohne Frustrationstoleranz kann man eigene Ansichten nicht äußern, meint unser Autor. Doch Deutschland verfolgt beim Thema Meinungsfreiheit ein Zwei-Klassen-System.

von
Sibylle Lewitscharoff, Trägerin des Georg-Büchner-Preises.
Sibylle Lewitscharoff, Trägerin des Georg-Büchner-Preises.Foto: Imago

Du schlägst morgens die Zeitungen auf, und wieder mal steht jemand am Pranger. Diesmal ist die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff an der Reihe. Sie hat in einer Rede katholisch-konservative Positionen vertreten, sie ist gegen künstliche Befruchtung. Sie hat dabei das Wort „Halbwesen“ verwendet, bezogen auf Kinder, die nicht auf die übliche Weise entstanden sind.

Ich finde diese Meinung falsch und das Wort „Halbwesen“ unakzeptabel, obwohl auch Nymphen und Faune so genannt werden. Wie ein Kind entsteht, ist vergleichsweise unwichtig. Wichtig ist, dass es liebende Eltern hat. Was heißt überhaupt „natürliche Zeugung“? Nichts an unserem heutigen Leben ist natürlich. Wer zurück zur Natur möchte, möge in eine Höhle ziehen, sich von Beeren und Aas ernähren und mit vierzig an Altersschwäche sterben, das ist nämlich der Wille der Natur.

Wer eine Meinung äußert, muss Widerspruch ertragen können, auch polemischen Widerspruch. Wer sich beleidigt fühlt, darf zurückballern. Wenn aber Leute als „faschistoid“ und als „Hetzer“ bezeichnet werden, so geschehen in der „Süddeutschen Zeitung“ in Bezug auf Lewitscharoff, dann geht es nicht um Widerspruch, dann geht es um die Verbannung aus dem öffentlichen Leben.

Ich kenne diesen Sound, in den 60ern wurde so mit Leuten umgesprungen, die für die Oder-Neiße-Grenze waren. Es ist übrigens unmöglich, eine Meinung zu haben, ohne dass es unerfreuliche Überschneidungen gibt. Die Grünen sind für den deutschen Wald, die NPD ebenfalls. Wenn Leute nicht öffentlich ihre Meinung sagen dürfen, so geschehen bei Thilo Sarrazins Auftritt im Berliner Ensemble, und wenn dann kein öffentlicher Aufschrei erfolgt, weil Sarrazin sowieso zum Abschuss freigegeben ist, dann frage ich mich, ob ich nicht in Russland lebe.

Meinungsfreiheit folgt dem Zwei-Klassen-System

Demokratie ist nicht möglich ohne eine gewisse Frustrationstoleranz, andere Ansichten betreffend. Was wäre passiert, wenn Brüllkommandos einen Auftritt von Sahra Wagenknecht verhindert hätten? Das wäre ein Skandal gewesen. Als der Moderator Lanz Frau Wagenknecht in einem Interview unfair behandelt hat, war die Empörung allgemein. Wir haben, was Meinungsfreiheit betrifft, ein Zwei-Klassen-System. Heute sind es christliche oder konservative Positionen, die im Chor niedergebrüllt werden. Morgen stehen vielleicht die Liberalen auf der Planke. Wer kommt als Nächstes?

Auch Katholiken gehören zu Deutschland

Nicht nur der Islam gehört zu Deutschland. Auch der Katholizismus. Viele Katholiken neigen zur Intoleranz, weil sie ihre Meinung nicht für Menschenwerk halten, sondern für Gottes Gebot. Ich mag das nicht. Aber die Freiheit der anderen ist der Preis, den ich für meine eigene Freiheit zahlen muss. Religion ist auch ein Menschenrecht.

49 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben