Zurückgeschrieben : Kann man verhindern, dass Hunde Menschen beißen?

In unserer Rubrik "Zurückgeschrieben" reagiert die Verhaltenswissenschaftlerin und Hunde-Expertin Dorit Feddersen-Petersen auf einen Brief unseres Lesers Dirk Hilberg zur tödlichen Beißattacke in Cottbus.

„Husky beißt Kleinkind tot“ vom 26. April

Mit gemischten Gefühlen habe ich Ihren Artikel gelesen. Mein Mitgefühl gilt ganz den Eltern, die dieses furchtbare Geschehen erleben mussten; dazu noch verursacht durch ihren eigenen Hund. Ob die Eltern ihre Aufsichtspflicht tatsächlich vernachlässigt haben, wird die polizeiliche Untersuchung zeigen. Sicher, jeder Hundehalter weiß, dass kleine Kinder nie mit Hunden alleine gelassen werden dürfen. Bevor aber vorschnell der Stab über die Eltern gebrochen wird, sollte sich jeder überlegen, ob man nicht schon selber sein Kind z.B. auf dem Wickeltisch hat liegen lassen, weil es an der Tür klingelte. Unfälle durch Unachtsamkeit der Eltern sind immer wieder zu verzeichnen, aber eben auch menschlich verständlich.

Richtig ist die Darstellung der Statistik der Beißunfälle in Brandenburg. Seit Jahren sind diese Vorfälle rückläufig. Tödliche Beißunfälle sind statistisch gesehen extrem unwahrscheinlich; bei 5,3 Millionen Hunden in Deutschland ereignen sich zwischen ein bis maximal sechs Unfälle mit Todesfolge pro Jahr. Da die meisten Beißunfälle im familiären Umfeld des Hundehalters passieren, ist die Gefährdung der Allgemeinheit bzw. der Nichthundehalter nahezu ausgeschlossen.

Diskussionen bezüglich der Ursachen im Verhalten des Hundes oder der hier fehlenden Rassedisposition sind wilde Spekulationen; eine Erforschung des Auslösers für das Verhalten bedarf detaillierter Informationen, die unter Umständen ohne genaue Kenntnis des Ablaufs gar nicht ermittelbar sind. Bleibt man also nüchtern bei den Fakten, so muss dieser Vorfall als einer der seltenen, tragischen Unfälle gelten, die sich leider in einer realen Welt mit menschlichen Unzulänglichkeiten nie völlig ausschließen lassen.

Dr. Dirk Hilberg, Blankenfelde

Sehr geehrter Herr Dr. Hilberg,

ein Siberian Husky hat ein Baby getötet. Diese Katastrophe für eine Familie beschäftigt seit Tagen die Medien, die Angst vor Hunden geht wieder verstärkt um. Wenn das auch verständlich sein mag, so wird uns Angst und Gleichmacherei nicht helfen. Gefragt werden muss nach der Genese des Geschehens, um Beißzwischenfälle mit Hunden wirkungsvoll zu verhindern, wenn auch ein Restrisiko wohl immer bestehen bleibt.

Eine sachgerechte Definition „gefährlicher Hunde“ sollte die Voraussetzung sein, um die Aufgabe des Schutzes der Bevölkerung vor diesen effizient durchzusetzen. „Gefährlichen Hunden“ liegen höchst unterschiedliche Genesen zugrunde, impliziert sei hier sowohl die frühe Verhaltensontogenese, die durch Phasen ausgeprägter Sensibilität allen Umwelteinflüssen gegenüber gekennzeichnet ist, in denen gerade auch der Umgang mit Sozialpartnern in Konfliktsituationen oder bei Rivalitäten „prägend“ gelernt wird (werden muss!), als auch das zum Zeitpunkt eines Übergriffs bestehende soziale Umfeld des Tieres mit allen Besonderheiten seiner Einbindung in dieses. Hunde werden als soziale Lebewesen von ihrer sozialen Gruppe bindend im Verhalten beeinflusst - und diese soziale Gruppe ist in aller Regel die Familie. Das Zusammenleben mit Menschen und deren Einflussmöglichkeiten auf das soziale Verhalten des Hundes sind ein ganz entscheidender Faktor zur Kennzeichnung seiner sozialen Verträglichkeit und seiner Eingepasstheit in das Zusammenleben mit Menschen allgemein. Es geht also um die Erziehung von Hunden, darum, dass Hunde von vornherein die Regeln des sozialen Miteinanders lernen und Tabuzonen kennen und beachten müssen und ganz klar wissen, dass sie in ein soziales System eingebunden sind, das ihnen Freiheit durch Grenzsetzung gibt.

Rassenindizes hingegen sind irreführend und entbehren der wissenschaftlichen bzw. statistischen Grundlagen. Der schlimme Vorfall weist darauf hin, dass schwere Übergriffe von Hunden jedweder Rassezugehörigkeit erfolgen können. Es gibt keine „gefährlichen Hunderassen“: Weder nach Beißvorfällen noch wissenschaftlichen Erkenntnissen folgen diese Benennungen seriösen, nachvollziehbaren Kriterien. Es gibt gefährliche Hundeindividuen. Die Wirksamkeit von Hundegesetzen, die insbesondere auf Hunderassenverbote ausgerichtet sind, muss gering sein.

Rasselisten sind als verordnete Verstöße gegen höherrangiges Recht, das geltende Tierschutzrecht, zu sehen. Für bestehende Probleme in der Hundehaltung „greifen“ sie nicht. Indes bereiten sie etlichen Hundehaltern unendliches Leid und große Probleme durch Verlust des Tieres bzw. soziale Ausgrenzung. Und sie führen zu Verhaltensfehlentwicklungen, da sie Hunden bestimmter Rassezugehörigkeit ein ausgeprägt restriktives Leben zumuten. Auch der sozial sichere, stressresistente Hund nimmt bei einem Leben mit ständigem Leinenzwang und Maulkorbzwang Schaden.

Zudem schüren sie Angst und Hundefeindlichkeit, keine guten Berater für das Zusammenleben mit einem Hund. Hunde entsprechender oder ähnlicher Rassezugehörigkeit zunehmenden Haltungsrestriktionen zu unterwerfen oder sie gar zu verbieten, sie „aussterben“ lassen zu wollen, ist keine Lösung. Es geht in aller Regel um bestimmte Mensch-Hund-Beziehungen. Problematische Entwicklungen derselben Hunde verschwinden bei anderen Hundehaltern sofort, wie in etlichen Fällen zu belegen war.

Es geht um soziale Belange, um Hunde, die nicht erzogen wurden, die in ihrem Verhalten nicht vom Menschen beeinflusst werden können. Es geht um distanzlose Hunde, die fremde Menschen anspringen, sie belästigen und gefährden. Und um Menschen, die ihren Hunden gegenüber oftmals hilflos dastehen. Ich meine nicht den angesprochenen Fall. Den kenne ich nicht. Den kennt wohl bislang niemand. Wie das Zusammenleben mit der Familie war, ob es Spannungen zwischen Mensch und Hunden gab, ist nicht bekannt. Ob die Aufsichtspflicht der Eltern unzureichend war, vermag ich ebenso wenig zu beurteilen. Wer war dabei, wer kann das Geschehen analysieren? Bislang niemand.

Es war ein Hund der Familie, der das Baby tötete, ein Hinweis darauf, dass das Zusammenleben der Familie mit ihren Hunden erklären könnte. Es wird Untersuchungen geben, die das schreckliche Geschehen nachvollziehbarer werden lassen.

Wir brauchen kein gesetzliches Instrumentarium, das Rassen verbietet, ihnen Maulkorbzwang vorschreibt oder den Haltern sogenannte Kampfhundesteuern abverlangt.

Biologische Kenntnisse sind prophylaktisch so wichtig, dass wohl alle Hundehalter in spe Prüfungen in Theorie und Praxis abzulegen haben. Ein Register der Unfallgenesen ist gleichfalls unbedingt erforderlich, um bestimmte Zusammenhänge verstehen zu lernen.

Mein Mitgefühl gilt der Familie - und ich denke an einen Hund, der sicherlich keine Bestie war.

Mit freundlichen Grüßen

— Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen, Verhaltenswissenschaftlerin am Zoologischen Institut der Christian-Albrechts-Universität Kiel, Autorin des Buches „Hundepsychologie“, Kosmos Verlag 2004

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