• Zwischen Honecker und Merkel, Konsum und Aldi: Dritte Generation Ost - Lost in Hoyerswerda

Zwischen Honecker und Merkel, Konsum und Aldi : Dritte Generation Ost - Lost in Hoyerswerda

Sie wuchsen auf, als ihre verwirrten Eltern von einer Firma namens „Treuhandanstalt“ aus Betrieben und sozialen Strukturen gedrängt wurden, als Russischlehrer mal eben über Nacht auf Politikwissenschaften umschulten und auf dem Schulhof Glatzköpfe zum Besten gaben, dass die Ausländer am ganzen Elend schuld seien. Biografie der „Dritten Generation Ost“.

von
Bewohnte Plattenbauten in der sächsischen Stadt Hoyerswerda.
Bewohnte Plattenbauten in der sächsischen Stadt Hoyerswerda.Foto: dpa

Ist der Bundespräsident auf einen üblen Marketing-Trick hereingefallen? Joachim Gauck, mit ostdeutscher Herkunft und im besten Opa-Alter: Da ist das Staatsoberhaupt natürlich besonders empfänglich, wenn sich die Vertreter einer selbst ernannten „Dritten Generation Ostdeutschland“ im Schloss ankündigen, um mit ihm über ihre ganz speziellen Probleme zu reden. Aber mal ehrlich: „Dritte Generation Ostdeutschland“? Was für riesige Schwierigkeiten plagen diese jungen Leute schon, 23 Jahre nach der deutschen Einheit. Wo doch jetzt alles so schön saniert ist zwischen Rostock und Hoyerswerda? In Griechenland oder Portugal: Da gibt es eine ganze „verlorene Generation“ arbeitsloser Jugendlicher. Und die haben richtige Probleme!

Die Ostdeutschen, die Joachim Gauck im Schloss Bellevue empfangen hat, sind zwischen 30 und 40 Jahre alt, gerade noch in der DDR geboren, dann aber im vereinten Deutschland aufgewachsen. Keine stalinistischen Altkader sind sie mehr, aber auch noch nicht wirklich vom Sozialismus unbelastete Gesamt-Deutsche. Sie wuchsen auf, als ihre verwirrten Eltern von einer Firma namens „Treuhandanstalt“ aus Betrieben und sozialen Strukturen gedrängt wurden, als Russischlehrer mal eben über Nacht auf Politikwissenschaften umschulten und auf dem Schulhof Glatzköpfe zum Besten gaben, dass die Ausländer am ganzen Elend schuld seien.

Video
Treffen der „3te Generation Ost“
Treffen der „3te Generation Ost“

Irgendwo zwischen Honecker und Merkel, zwischen RGW und EU, zwischen Konsum und Aldi

Und genau in diesem Dilemma wurzeln die meisten Biografien der „Dritten Generation Ost“: irgendwo im Niemandsland zwischen Honecker und Merkel, zwischen RGW und EU, zwischen Konsum und Aldi. Die „Wendekinder“ wissen bis heute oft nicht, wohin sie gehören. Ihre Geschichte ist schwammig, ihre Eltern wollen über Verantwortung, Mitläufertum oder Verfolgung in der DDR nicht reden. Ihre Erfahrungen mit dem kapitalistischen System sind meist negativ. Sie haben die Massenarbeitslosigkeit und die Hoffnungslosigkeit ihrer Eltern in den Neunzigern erlebt. So etwas schürt Furcht vor Unbekanntem, es macht skeptisch, es lähmt die eigenen Kräfte, oft das ganze Leben lang. Nicht wenige von ihnen fühlen sich heimatlos, wissen nicht, wohin sie gehören. Denn wer Eltern hatte, die es gut meinten, der wurde zur Ausbildung in den Westen geschickt. Nur fort von hier, wo Abriss und Vergreisung ganze Landstriche erfasste. Nun suchen die jungen Leute nach ihren Wurzeln und merken oft, dass sie aus Düsseldorf oder Kiel in eine fremde Welt zurückkehren.

Lasst den leicht gebückten Gang der Dankbarkeit für erbrachte Aufbauhilfe hinter euch!

Dabei könnte gerade diese Generation zum tragenden Fundament ostdeutscher Zukunft werden, sich nach mühevollen Jahren des „Aufbau Ost“ selbstbewusst, kraftvoll und eigenständig den größeren und reicheren West-Regionen gegenüberstellen. Hohe Zeit wäre es längst, den leicht gebückten Gang der Dankbarkeit für erbrachte Aufbauhilfe hinter sich zu lassen. Wenn da nicht immer noch eine wirtschaftliche Differenz zu den Boomregionen des Landes und das anhaltende Gefühl wäre, nur Deutsche zweiter Klasse zu sein – weniger Rente, weniger Lohn, weniger Reichtum zu vererben.

Wahrscheinlich wird das Gefühl der Deklassierung sogar noch weitere Nahrung erhalten: Wenn der „einheitliche“ Mindestlohn im Osten erst später eingeführt und die Ost-West-Rentenangleichung weiter verschoben wird. Wer jung ist, könnte daraus Chancen ableiten. Die Realität könnte aber auch zu weiterer Demotivierung führen. Was dann folgte, ist absehbar: Nach der „dritten“ würde auch noch eine „vierte“ Generation Ost im Schloss Problemberichte abgeben.

48 Kommentare

Neuester Kommentar