Zwischen Stress und Selbstbestätigung : Arbeit ist unsere neue Religion

Früher arbeiteten wir, um zu leben – heute leben wir auch, um zu arbeiten. Und der Mensch präsentiert sich als mit seiner Aufgabe verschmelzender Selbstunternehmer. Oder Selbstausbeuter. Das hat auch damit zu tun, dass wir etwas gegen unsere Vergänglichkeit tun wollen.

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Arbeiten wir, um zu leben - oder umgekehrt? 34 Prozent der Deutschen sagen, sie könnten auch in ihrer Freizeit nicht von der Arbeit abschalten.
Arbeiten wir, um zu leben - oder umgekehrt? 34 Prozent der Deutschen sagen, sie könnten auch in ihrer Freizeit nicht von der...Foto: dpa

Es war nur eine Kurzmeldung im Tagesspiegel vom 23. Januar 2013. „Gambia führt Vier-Tage-Woche ein: Mehr Zeit für Gebete und Freizeit“, lautete die Überschrift. Weiter stand dort, dass Staatspräsident Yahyha Jameh eine offizielle Arbeitszeit von jeweils acht Stunden von Montag bis Donnerstag festlege. Der Freitag solle zusätzlich zum „Beten und Ausruhen“ genutzt werden.

Was für ein utopischer Gedanke! In Deutschland wäre es nicht nur schwer vorstellbar, dass Kanzlerin Merkel den Bürgern diktiert, an einem Tag in der Woche die Hände zu falten oder die Beine hochzulegen. Auch die Idee an sich scheint wie von einem anderen Stern zu sein. Wie sonst sollen wir uns gegen fleißige Chinesen wehren, wo wir eines der üppigsten Sozialsysteme der Welt unterhalten und vor dem demografischen Kollaps stehen? Nein, das Glück der Nation kann zumindest für uns nicht davon abhängen, weniger zu arbeiten – das erscheint unvorstellbar.

Weniger Arbeiten - der Gedanke hat durchaus Charme

Nicht so abwegig allerdings, dass nicht eine der bekanntesten Arbeitsforscherinnen Deutschlands kürzlich genau diesen Vorschlag gemacht hätte: 32 Stunden in der Woche hält die Soziologin Jutta Allmendinger für „eine gut lebbare Arbeitszeit – für Männer und für Frauen“. Sie begründet dies damit, dass sich Männer und Frauen die Kindererziehung teilen sollten. Bei einer Fünf-Tage-Woche sei das kaum möglich. Außerdem stünden uns immer mehr Lebensjahre, auch zum Arbeiten, zur Verfügung. Da sei es doch nur sinnvoll, diese Gesamtarbeitszeit anders aufzuteilen.

F. Leber ist Redakteur im Ressort Meinung des Tagesspiegels.
F. Leber ist Redakteur im Ressort Meinung des Tagesspiegels.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Einmal unabhängig davon, wie sich ein solches Konzept auf die Einkommen auswirken würde – der Gedanke daran, unser Arbeits- und Zeitmodell zu hinterfragen, hat durchaus Charme. Er knüpft an Zeiten an, in denen die Menschen dachten, ihnen würde die Arbeit vor lauter Fortschritt vielleicht einmal ganz ausgehen. In einem Aufsatz aus den 30er Jahren mit dem Titel „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“ hatte der Ökonom John Maynard Keynes den Drei-Stunden-Arbeitstag prophezeit. Eine ähnliche Utopie hatte bereits Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, in seinem Essay zum „Recht auf Faulheit“ 1890 ins Spiel gebracht.

Insgesamt arbeiten wir weniger, viele arbeiten aber auch wesentlich mehr

Lafargue war es allerdings auch, der im Gegenzug vor der Ausbreitung von „Arbeitssucht“ warnte. Vom heutigen Standpunkt aus sind beide Vorhersagen eingetreten – insgesamt arbeiten wir zwar weniger, viele allerdings arbeiten auch wesentlich mehr, als sie rational betrachtet eigentlich müssten. Unser Verhältnis zur Arbeit ist dabei ambivalent wie eh und je geblieben: Wir glauben an sie, weil wir uns in ihr selbst verwirklichen wollen. 84 Prozent der Deutschen sagen, dass Arbeit für sie eine sinnstiftende Ressource sei. Wir werden aber gleichzeitig nachdenklich, wenn wir von so mancher Fernreise zurückkehren. Dann staunen wir darüber, wie Menschen mit erheblich weniger Wohlstand und Arbeitseifer leben können – und dabei auf den ersten Blick gelassener, vielleicht auch glücklicher wirken.

Wir in Deutschland arbeiten zwar weniger als unsere Vorfahren. Zwischen dem Kriegsende und den 70er Jahren sank das Arbeitsvolumen pro Kopf von rund 1100 auf 800 Stunden im Jahr. Seitdem hat sich dieser Trend jedoch verlangsamt: Mittlerweile verbringt jeder Deutsche im Durchschnitt knapp 700 Stunden im Jahr an einem Arbeitsplatz. Der Rückgang hat nur zum Teil mit dem technischen Fortschritt zu tun. Er hängt auch damit zusammen, dass mehr Menschen Teil des Arbeitsmarkts sind.

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