Zwischenruf : Werte sind Markenkern der Kirche

Dass eine säkulare Gesellschaft die normative Kraft des Faktischen anerkennt, ist vermutlich vernünftig. Dass aber die Kirche von ihren Gläubigen nicht mehr erwarten will, sich vor Gott und den Menschen zum Zusammenleben zu bekennen, ist verrückt.

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Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".Foto: Mike Wolff

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat in der vergangenen Woche eine Orientierungshilfe zum Thema Ehe und Familie veröffentlicht. Darin sagt sie, dass ihr der formale Status einer Beziehung – also die Ehe – nicht mehr so wichtig sei. Entscheidend sei die Qualität des Zusammenlebens. Eheleute, homosexuelle Paare, Geschiedene, Alleinerziehende mit Kindern: Wenn sie nur willig sind, dauerhaft und verlässlich füreinander da zu sein, sind sie Familie. Für diese Neuorientierung hat die Kirche in den vergangenen Tagen viel Lob bekommen. Zu Unrecht.

Denn eine Kirche, die ihren normativen Anspruch an die Welt aufgibt, tut zwar keinem mehr weh. Aber sie hilft auch niemandem.

Die alte Haltung der Kirche habe viel Leid über die Menschen gebracht, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Nikolaus Schneider. Uneheliche Kinder seien stigmatisiert, homosexuelle Paare schräg angeschaut worden. Das mag so sein, und natürlich war das falsch.

Doch die evangelische Kirche verkennt in ihrer neuen Haltung den Wert von Normen. Normen existieren, weil Menschen ihrer bedürfen. Normen stellen Verlässlichkeit und Berechenbarkeit her, sie schaffen eine Normalität. Sie formulieren Erwartungshaltungen von und an Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund, Erfahrung, Sozialisation. Andersherum ausgedrückt: Ein Paar heiratet in der Erwartung, dass beide das Eheversprechen ernst nehmen. Eine Pfarrerin, die diesen Bund mit dem munteren Hinweis ergänzt: „Wenn ihr es euch irgendwann anders überlegt, macht das nix“, relativiert nicht nur die Ehe selbst. Sie korrumpiert die Erwartungshaltung aller künftigen Paare.

Dass eine säkulare Gesellschaft die normative Kraft des Faktischen für die Entwicklung ihrer Rechtsnormen anerkennt, ist vermutlich vernünftig. Schließlich geht es hier darum, die Mindestbedingungen für das Zusammenleben einer Gesellschaft zu formulieren. Dass aber die Kirche von ihren Gläubigen nicht mehr erwarten will, sich vor Gott und den Menschen zum Zusammenleben zu bekennen, ist verrückt. Wer gar keine moralische Grundhaltung hat, darf auf dasselbe Verständnis und Entgegenkommen hoffen wie der, der an seinem Lebensentwurf scheitert.

Eine Glaubensgemeinschaft aber, die es nicht mehr wagt, von ihren Gläubigen etwas zu verlangen, verliert ihren Markenkern, sie gibt sich auf. Da, wo alles gut ist, ist am Ende nämlich alles egal.

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