100 Tage NSU-Prozess : Andreas Schulz: "Zschäpes Verteidiger haben klein bei gegeben"

Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz erklärt in seinem Zwischenfazit, warum er die Performance der Verteidigung für bescheiden hält. Dieses und weitere Interviews, die Frank Jansen anlässlich des 100. NSU-Verhandlungstages führte, finden Sie auf unserer Themenseite.

Frank Jansen
Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz
Nebenklage-Anwalt Andreas SchulzFoto: promo

Wie fühlen Sie sich nach bald 100 Tagen NSU-Prozess?

Keine Besonderheiten im Hinblick auf die subjektive Befindlichkeit   

Wie ertragen Sie die Bilder der getöteten Opfer?

Lichtbilder von getöteten Menschen sind nicht erbaulich, wohl aber notwendig im Rahmen eines Mordprozesses

Welcher Verhandlungstag war für Sie der härteste?

Die Teilnahme der Angehörigen, insbesondere derjenigen, die Zschäpe direkt angesprochen haben, wie die Mutter des in Kassel ermordeten Halit Yozgat

Im Prozess wird ab und zu auch gelacht. Stört Sie das oder lachen Sie mit?

Ich vertrete die Auffassung, dass in einem Schwurgerichtsverfahren überhaupt nicht gelacht werden sollte, schon aus Respekt gegenüber den Angehörigen nicht. Allgemeine Heiterkeit hat sich aber während des Prozesses zwischen allen Verfahrensbeteiligten entwickelt. Zum einen wohl als eine Form der Stressreduktion, zum anderen aber auch als taktisches Instrument um Verfahrensbeteiligte zu disziplinieren. Insbesondere die Verteidiger der Angeklagten Zschäpe wurden so vom Vorsitzenden Götzl coram publico in die Schranken verwiesen.

Hat die Hauptverhandlung Ihr Leben und das Ihrer Angehörigen verändert?

Vielleicht! Man ist dankbar, wenn man von solch einem sinnlosen Schicksal, wie es die Morde sind, verschont bleibt.

Was hat die Beweisaufnahme bislang gebracht? Wo steht der Prozess?

Ich sehe zumindest, dass eine Verurteilung der Angeklagten Zschäpe wegen der Brandstiftung und Explosion in Zwickau nicht unwahrscheinlich ist. Hinsichtlich der anderen Tatvorwürfe wäre es verfrüht, eine belastbare Prognose abzugeben.

Haben Sie den Eindruck, der Vorsitzende Richter Manfred Götzl ist der Dimension des Verfahrens gewachsen?

Durchaus, allerdings massgeblich durch die bescheidene Performance der Verteidiger der jeweiligen Angeklagten. Ich könnte mir Verteidiger vorstellen, die es mit dem Vorsitzenden prozessual durchaus aufnehmen könnten, zumal der Prozesstoff alle Optionen für eine „Nicht-Schuldig-Verteidigung“ bietet. Insbesondere die Verteidigung von Zschäpe hat ihren Schwerpunkt auf die mediale Präsentation ihrer Verteidigerprofile gelegt und dann in den ersten „in fights“ mit dem Vorsitzenden klein  beigegeben. Hochglanzfotos ersetzen eben keine  „court room experience“ und das „Gejammere“ um juristische Empathie  ist unprofessionell und wenig souverän. Entweder hundert Prozent Verteidigung auch in so einem Verfahren oder es sein lassen und  besser zum  Amtsgericht gehen. 

Welche Lehren ziehen Sie für sich und Ihre Arbeit aus dem Prozess?

Das wird sich am Ende des Verfahrens zeigen.

Haben Sie noch Kraft für weitere 100 Tage?

Ja. Ich habe an Verfahren teilgenommen, die länger dauerten. Zum Beispiel das Verfahren um den Anschlag  auf die West-Berliner Diskothek La Belle, die Verfahren gegen Mounir al Motassadeq und  Abdelghani Mzoudi, die angeklagt waren, den Terroristen des 11. September 2001 geholfen zu haben, um nur einige zu nennen.

Andreas Schulz ist Rechtsanwalt in Berlin. Er vertritt einen Betroffenen des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße.

Weitere Interviews, die Frank Jansen anlässlich des 100. NSU-Verhandlungstages führte, finden Sie auf unserer Themenseite.

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