100 Tage NSU-Prozess : Ogün Parlayan: „Es ist furchtbar“

Rechtsanwalt Ogün Parlayan ärgert sich über verlogene rechte Zeugen. Er rechnet fest mit einer lebenslänglichen Haftstrafe für Beate Zschäpe.

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Rechtsanwalt Ogün Parlayan
Rechtsanwalt Ogün ParlayanFoto: privat

Wie fühlen Sie sich nach bald 100 Tagen NSU-Prozess?

Ich fühle mich weiter sehr motiviert. Natürlich sind die weiten Anreisen aus Berlin anstrengend. Es ist jedoch nicht jedem Juristen vergönnt, an diesem Mammut- Prozess beteiligt zu sein.

Wie ertragen Sie die Bilder der getöteten Opfer?

Die Bilder haben mich fassungslos gemacht. Als die Paulchen-Panther-Videos gezeigt wurden, stand mir eine Träne im Auge. Es ist furchtbar, was Hass bewirken kann. Das Nazi-Trio war vollkommen verblendet.

Welcher Verhandlungstag war für Sie der härteste?

Natürlich waren die Tage, als die Videos gezeigt wurden, emotional anstrengend. Es ist auch anstrengend, wenn rechte Zeugen sich rausreden wollen und sich an nichts mehr erinnern wollen. Die Äußerungen, „ich habe das vergessen und habe mich von der Szene abgewandt“, machen mich wütend. Zumal bei einigen Zeugen bekannt ist, dass sie eben nicht aus der Szene raus sind.

Hat die Hauptverhandlung Ihr Leben und das Ihrer Angehörigen verändert?

Natürlich hat der Prozess mein Leben und das meiner Familie verändert. Ich bin regelmäßig drei Tage die Woche nicht zu Hause. Ich habe eine schulpflichtige Tochter, die auf mich angewiesen ist.

Was hat die Beweisaufnahme bislang gebracht? Wo steht der Prozess?

Wir stehen etwa noch im ersten Drittel des Prozesses. Die Aussage des Angeklagten Carsten S. hat schon etwas bewirkt, es konnte ein unentdeckter Anschlag in Nürnberg dem NSU zugeordnet werden.

Haben Sie den Eindruck, der Vorsitzende Richter Manfred Götzl ist der Dimension des Verfahrens gewachsen?

Im Großen und Ganzen hat Richter Götzl den Prozess im Griff. Wobei er gelegentlich die Nebenklage härter ran nimmt, als er es bei den rechten Zeugen tut.

Halten Sie es beim jetzigen Stand der Hauptverhandlung für wahrscheinlich, dass Beate Zschäpe und die vier Mitangeklagten verurteilt werden?

Auf jeden Fall. Ich rechne fest mit lebenslänglich für Zschäpe.

Welche Lehren ziehen Sie für sich und Ihre Arbeit aus dem Prozess?

Am letzten Verhandlungstag werde ich meine persönlichen Lehren ziehen. Aber bereits jetzt kann ich sagen, dass blindes Vertrauen in staatliches Handeln gefährlich ist.

Haben Sie noch Kraft für weitere 100 Tage?

Ja, habe ich. Ich bleibe motiviert.

Ogün Parlayan ist Rechtsanwalt in Berlin. Er vertritt Muzaffer Türkoglu, der bei dem Nagelbombenanschlag am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße schwer verletzt wurde.

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