132. Tag im NSU-Prozess : Noch ein Verdacht gegen Zschäpe

Beate Zschäpe soll 1996 in Jena eine junge Linke verletzt haben. Das Opfer und eine weitere Zeugin präsentieren im NSU-Prozess jedoch eine widersprüchliche Geschichte. Wird Zschäpe zu Unrecht belastet?

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Zschäpe schweigt auch am 132. Prozesstag. Ab und zu schüttelt sie mit dem Kopf.
Zschäpe schweigt auch am 132. Prozesstag. Ab und zu schüttelt sie mit dem Kopf.Foto: dpa

Seit den 1990er Jahren geht das so. In Plattenbauvierteln ostdeutscher Städte prügeln sich junge Rechte und Linke und stecken Reviere ab. Oft sind die pubertierenden Neonazis die stärkeren. Die von ihnen beherrschten Zonen sind Angsträume für alle, die ins rechte Feindbild passen, vom Migranten über Linksradikale und Punks bis hin zu Demokraten und Journalisten. Da erscheint es beinahe zwangsläufig, dass auch Beate Zschäpe mitgemischt hat. Immerhin ist sie die Hauptangeklagte im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München, laut Anklage soll sie im Untergrund an zehn Morden und weiteren Verbrechen mitgewirkt haben.

Nun ist am Mittwoch von einer weiteren, vergleichsweise geringfügigen Gewalttat in der Jenaer Betonburg Winzerla die Rede. Zschäpe soll da 1996 eine junge Linke verletzt haben. Aber die Geschichte, die das Opfer und eine Freundin erzählen, klingt widersprüchlich. Wird Zschäpe möglicherweise etwas angehängt, weil ihr bei einer derart massiven Anklage sowieso alles zuzutrauen ist?

Die Studentin Maria H., damals mit bunten Haaren und zerschlissener Kleidung unterwegs, sagt im Prozess, Zschäpe habe sie in Winzerla an der Endstation der Straßenbahn so geschubst, dass sie zu Boden gegangen sei und sich einen Fuß gebrochen habe. Dann habe sich Zschäpe auf ihren Rücken gesetzt und sie gezwungen zu sagen, „ich bin eine Potte“. Was das Wort „Potte“ bedeuten soll, kann die Zeugin nicht erläutern. Aber dass Zschäpe die Täterin war, ist aus Sicht von Maria H. nicht anzuzweifeln. Obwohl die Zeugin erst mehr als 15 Jahre später von einem Journalisten gesagt bekam, Zschäpe sei für den Angriff verantwortlich. Nachdem der NSU im November 2011 aufgeflogen war und Zschäpe sich in Jena der Polizei gestellt hatte.

Zschäpe soll die Zeugin mit einer anderen Linken verwechselt haben

Der Reporter, dessen Name die Zeugin nicht nennen kann, suchte sie auf und googelte mit ihr Fotos von Zschäpe. Auf älteren Bildern ist die Angeklagte mit langen, lockigen Haaren zu sehen, so wie auch jetzt im Prozess. Maria H. war sich schnell sicher, dass diese Frau sie 1996 attackiert hatte. Zschäpe sei damals unauffällig gekleidet gewesen, sagt die Zeugin, spricht dann aber von einer Bomberjacke. Maria H. vermutet zudem, sie sei von Zschäpe mit einer anderen jungen, schrillen Linken verwechselt worden. Die soll auf einem „Rummel“ in Jena, einem Stadtfest, Zschäpe ausgelacht haben.

Zu belegen ist anhand eines ärztlichen Vermerks, dass Maria H. im September 1996 eine Fraktur am linken Fuß erlitten hat. Die Polizei konnte allerdings keinen Täter ermitteln. Ob Zschäpe die Schlägerin war, bleibt offen. Erst recht, als nach Maria H. deren damalige Begleiterin Steffi S. im Prozess auftritt und eine noch härtere Geschichte präsentiert. Sie sagt, schon damals habe sie gewusst, dass Zschäpe geschubst hatte. Warum ihre Freundin Maria H. dann erst nach 2011 den Namen der Tatverdächtigen erfuhr, kann die Zeugin  nicht erklären.

Die Freundin will sich an weitere Detail erinnern

Steffi S., 1996 Punkfrau mit einer kleinen Ratte, nennt zudem weitere Details, die dem Opfer nicht einfielen. So soll Zschäpe mit „zwei, drei geübten Griffen“ Maria H. zu Boden gebracht haben. Und das weinende Opfer habe seine Jacke ausziehen müssen. Maria H. hat zuvor gesagt, sie habe sich zusammengerissen und nicht geweint. Sie kann sich auch nicht daran erinnern, zwangsweise ihre Jacke ausgezogen zu haben.

Beide Frauen berichten allerdings unisono, Rechte hätte damals in Winzerla Linke gejagt und verprügelt. Ihr Ex-Freund sei „grün und blau“ geschlagen worden, sagt Maria H. Ihr sei aus Autos zugerufen worden, „dass sie mich kriegen und fertigmachen“, sagt Steffi S. Das klingt angesichts vieler solcher Geschichten aus Ostdeutschland plausibel. Aber hat der Horror möglicherweise Maria H. und Steffi S. so geprägt, dass es sie nun drängt, Zschäpe zu belasten? Weil die Tat zu ihr passen könnte und die Medien ausführlich berichtet haben, dass Zschäpe vor dem Gang in den Untergrund in der rechten Szene in Jena aktiv war?

Oder war Zschäpe trotz aller Widersprüche in den Aussagen der beiden Zeuginnen doch die Schlägerin, aus Hass auf Linke und Punks? Steffi S. sagt, aus „Erzählungen“ habe sie schon 1996 gewusst, „dass Frau Zschäpe ein krasses Auftreten hat“, dass sie mit einem Messer in der Tasche herumlaufe und keine Skrupel habe, „auf Leute loszugehen“. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl, ob sie jemanden nennen könnte, der Zschäpe so beschrieben haben soll, weiß Steffi S. jedoch keinen Namen.

Zschäpe schweigt, wie üblich

Zschäpe selbst schweigt, wie üblich, auch bei den Aussagen der beiden Frauen. Sie wirkt allerdings manchmal empört, zieht die Stirn in Falten und schüttelt kurz den Kopf. Eine ehemalige Freundin Zschäpes, die bei der Tat in Winzerla dabei gewesen sein soll, hat im April im Prozess gesagt, sie könne sich an einen solchen Vorfall nicht erinnern.

Was damals in Jena-Winzerla genau passiert ist, lässt sich wohl nicht mehr klären. Offenkundig ist nur, dass das Plattenbauviertel zumindest damals für junge Menschen ein gefährliches Pflaster sein konnte. Da reichte schon eine schrille Frisur.

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