17 Tage nach der US-Wahl : Trumps Erfolg ist eine Warnung für Europa

Die Menschen in den US-Kleinstädten haben ihre Stimmen erhoben. Sie könnten auch in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden die Wahlen 2017 entscheiden. Ein Kommentar.

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Donald Trump könnte überall sein - Masken zeigen sein Gesicht.
Donald Trump könnte überall sein - Masken zeigen sein Gesicht.Foto: AFP/ Toshifumi Kitamura

Zwei Denkweisen dominieren die Reaktionen auf Donald Trumps Wahlsieg. Die spinnen halt, die Amis, spotten die einen. So ein Wahlausgang wäre hierzulande undenkbar. Seid da mal nicht so sicher, unken die anderen. Ein ähnliches Abstimmungsverhalten könne auch die Wahlen 2017 in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland entscheiden.

Deutsche wollen keinen Milliardär als Kanzler, aber ...

Natürlich ist das Phänomen Trump nicht eins zu eins übertragbar. Dafür sind die politischen Kulturen zu verschieden. Zum Beispiel ist die Idee, Persönlichkeiten aus der Privatwirtschaft für politische Spitzenämter zu rekrutieren, in Deutschland nicht populär. Das gilt nicht nur für Trump. Ein ehemaliger Investmentbanker als Spitzenkandidat wie Mitt Romney 2012 – drei Jahre nach der Finanzkrise – wäre hier undenkbar.

Ernst zu nehmende Parallelen gibt es aber durchaus. Der Unmut über eine abgehobene politische Klasse, die in der Wahrnehmung vieler den Kontakt zum Alltag der Bürger verloren hat, ist auch in Europa verbreitet. Diese Ablehnung trifft nicht nur Politiker. Auch die Medien und Meinungsforscher spüren den Argwohn, dass sie oft danebenliegen – vielleicht auch weil sie ihre eigene volkspädagogische Agenda verfolgen, die mehr mit gesellschaftlichen Wunschvorstellungen als den Bedürfnissen der Mediennutzer zu tun hat.

Ländliche Regionen gegen Großstädte

Ausschlaggebend für Trumps Wahlerfolg waren zwei Zuspitzungen: Kleinstädte und ländliche Regionen gegen urbane Zentren. Und: Alteingesessene gegen Zugewanderte. Der ideologische Links- rechts-Gegensatz spielt nicht mehr die erste Geige. Als Basso continuo gibt er weiter einen Grundrhythmus vor. Darüber legen sich aber neue Melodien und Leitmotive wie das Misstrauen gegen die Segnungen des Freihandels; der Glaube daran gehörte bis vor Kurzem zum Credo der US-Republikaner, aber auch europäischer Konservativer und Liberaler.

Etwa die Hälfte der Bürger in den USA und in Deutschland lebt in Kleinstädten und Dörfern, rund die andere Hälfte in Großstädten. Statistiken, laut denen 75 Prozent der Deutschen und 80 Prozent der Amerikaner in „Städten“ leben, führen in die Irre. Sie zählen Orte ab 2000 Einwohnern als „Stadt“. Lebensgefühl und politische Ansichten in den USA unterscheiden sich nach dem Kriterium „Small Town America“ versus „Greater Metropolitan Region“. Die Kleinstädte und ländlichen Regionen stimmten für Trump, urbane Großräume für Hillary Clinton.

Small Town America sieht sich zurückgelassen

Wie schon Sarah Palin 2008 appellierte Trump erfolgreich an ein untergründiges Gefühl des Zurückbleibens in „Small Town America“. Beide verbanden dies mit dem Vorwurf, in den Großstädten lebten arrogante Eliten, die mitleidig auf die Provinz herabblickten. Sie wollten der „schweigenden Mehrheit“ ihren urbanen Multikulti-Lebensstil mit seinen überzogenen Anti-Diskriminierungsauflagen aufzwingen plus dem Kampf für sexuelle Minderheiten und sogar für illegale Zuwanderer.

Den Alteingesessenen, die Amerika aufgebaut und geprägt haben, haben diese Eliten nichts mehr anzubieten. „What’s in it for me?“ – Was habt ihr für mich im Angebot? –, fragen die weißen Familien, Kleinunternehmer, Familienfarmer, die in „Small Town America“ die erdrückende Mehrheit bilden. Sie wollen ihre politische Dominanz zurück.

Auch die da oben in Berlin gelten als abgehoben

Dieses Gefühl ist auch bei Reisen durch deutsche Kleinstädte zu spüren. Auch dort sagen viele, die sogenannte politische Klasse in Berlin habe sie nicht mehr im Blick. Die urbanen Eliten redeten über alleinerziehende Mütter, Anti-Diskriminierung, Ökostrom, Programme für die Aufnahme und Integration der Migranten. Wo aber ist das Angebot für „uns“? „Wir“ stellen immer noch den Großteil der Wähler.

Ähnliches ist in Österreich zu beobachten; FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer schiebt sich nach vorn. In Frankreich ist der Konflikt zwischen „La France Profonde“ und Paris größer als in Deutschland der zwischen Wilhelmshaven, Solingen, Pforzheim oder Eisenhüttenstadt und Berlin.

Wie erreichen die Parteien noch die Unmutsbewegungen?

Die Crux für die Parteien: Selbst wenn sie das Problem erkennen und ihre Programme in Windeseile stärker auf enttäuschte Alteingesessene ausrichten als auf Spezialangebote für kleine Sondergruppen – wie erreichen sie die Mehrheiten, die sich der Unmutsbewegung gegen „die da oben in Berlin“ angeschlossen haben, überhaupt noch? Über die klassischen Medien schon lange nicht mehr.

Was Trump gelang, würden Europas klassische Parteien auch gern können. Aber seine Methoden – Bashing des Establishments und der Medien – sind kein Erfolgsrezept für sie.

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