212. Verhandlungstag im NSU-Prozess : Gab es einen weiteren NSU-Täter?

Der NSU-Prozess wartete am Dienstag mit einer möglichen Sensation auf: Es könnte einen weiteren Mittäter der Terrorzelle geben. Das legt die Aussage eines Zeugen nahe.

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Die Angeklagte Beate Zschäpe im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München neben ihren Anwälten Anja Sturm und Wolfgang Heer.
Die Angeklagte Beate Zschäpe im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München neben ihren Anwälten Anja Sturm und Wolfgang Heer.Foto: dpa

Wieder eine Überraschung im NSU-Prozess: nach der Aussage eines Zeugen am Dienstag erscheint es erstmals möglich, dass die Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt  einen weiteren Mittäter hatten - oder aber, dass Beate Zschäpe selbst an einem Tatort ins Geschehen eingriff. Nach einem Überfall auf einen Supermarkt in Chemnitz seien drei Personen „rausgerannt“, sagte ein Zeuge im Oberlandesgericht München. Der Mann war bei der Tat im Dezember 1998 nur knapp mit dem Leben davon gekommen. Er hatte die flüchtenden Räuber auf dem Parkplatz vor dem Edeka-Markt verfolgt, ein Täter feuerte auf ihn. „Einer drehte sich um, er rief ,bleib stehen’ und hat dreimal geschossen“, sagte der Zeuge. Eine Kugel sei knapp an seinem Kopf vorbeigeflogen. Der Zeuge konnte nicht früher im Prozess auftreten, weil das BKA ihn erst im Frühjahr ermittelt hatte. Die Chemnitzer Behörden hatten die Akten vernichtet, trotz des Verdachts auf versuchten Mord.

      Laut Anklage der Bundesanwaltschaft verübten nur Mundlos und Böhnhardt den Überfall, der mutmaßlich der erste der 1998 abgetauchten Rechtsextremisten war und bei dem sie 30 000 D-Mark erbeuteten. Auch bei den anderen Verbrechen des NSU - den zehn Morden, den beiden Sprengstoffanschlägen in Köln und den weiteren 14 Raubüberfällen - ist nie von einem dritten, am Tatort mitwirkenden Komplizen die Rede. Das hat sich nun, am 212. Prozesstag und dreieinhalb Jahre nach dem dramatischen Ende der Terrorzelle, geändert. Zeugen, die im Supermarkt selbst den Überfall erlebt hatten, berichteten zwar im Prozess nur von zwei Männern. Was sich draußen nach dem Raub abspielte, bekamen diese Zeugen jedoch nicht mit.

   Wer die dritte Person auf dem Parkplatz sein soll, bleibt offen. Der Zeuge vom Dienstag konnte die drei Täter nur vage beschreiben. Er betonte, die Person, die ihm drohte und dann schoss, sei schmächtig gewesen und habe eine „helle Stimme“ gehabt. Ob es ein Mann oder eine Frau gewesen sei, könne er nicht sagen. Dem Bundeskriminalamt hatte der Zeuge hingegen von einer männlichen Stimme berichtet. Damit käme Zschäpe zumindest als Schütze bei der Flucht nach dem Raubüberfall vermutlich nicht in Frage.

War Zschäpe jemals an einem der Tatorte?

    Die Bundesanwaltschaft bezeichnet  Zschäpe zwar als Mittäterin bei allen Delikten des NSU, die Frau soll aber nie an einem Tatort ins Geschehen eingegriffen haben. In der Anklage wird Zschäpe unter anderem vorgeworfen, sie habe die geraubten Gelder der Terrorzelle verwaltet und mit Lügengeschichten, die sie Nachbarn erzählte, die Identität der NSU-Mitglieder getarnt.

    Denkbar ist auch, dass ein Rechtsextremist aus der Szene in Chemnitz Mundlos und Böhnhardt bei dem Überfall mitgemischt haben könnte. Skinheads in der sächsischen Stadt hatten jedenfalls Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe nach deren Flucht aus Jena im Januar 1998 unterstützt. Die drei kamen in Wohnungen unter und wurde vor der Polizei versteckt.

    Unterdessen schwelt der Konflikt zwischen Zschäpe und ihren drei Verteidigern weiter. Die Hauptangeklagte sprach am Dienstag kein Wort mit den Anwälten. Mit einem knappen „Morgen“ grüßte sie hingegen die Verteidiger des hinter ihr sitzenden Mitangeklagten Ralf Wohlleben.  Zschäpe hatte vor zwei Wochen, wie berichtet, beim Vorsitzenden Richter Manfred Götzl  beantragt, ihre Verteidigerin Anja Sturm zu entpflichten. In einem vierseitigen Schreiben attackierte sie vergangene Woche auch die Co-Verteidiger Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl. Heer soll während der Hauptverhandlung im Internet gesurft haben. Stahl setzte angeblich Meldungen bei Twitter ab. Zschäpe kündigte zudem an, aussagen zu wollen – aber nur, wenn sie ihre Verteidiger los wird.

   Die Anwälte haben alle Vorwürfe  Zschäpes dementiert. Wann Götzl über den Antrag entscheidet, ist offen. Zu erwarten ist ein Beschluss frühestens Ende der Woche. Die Bundesanwaltschaft hat noch bis Donnerstag Zeit, sich zu Zschäpes Schriftsätzen und denen der Verteidiger zu äußern.

    Die Verhandlung am Dienstag endete unerwartet früh. Nach der Vernehmung des Zeugen aus Chemnitz verkündete Götzl, Zschäpe habe Zahnschmerzen und die Behandlung sei noch nicht abgeschlossen. Der Richter beendete die Sitzung bereits kurz nach elf Uhr. Ein für den Tag geladener Zeuge, der Zschäpe belastet hatte, und ein Sachverständiger sollen bei einem anderem Termin gehört werden.

 

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