220. Tag im NSU-Prozess : Zschäpe attackiert weiter ihre Verteidiger

Der Konflikt zwischen Beate Zschäpe und ihre Verteidigern beherrscht weiter den NSU-Prozess. Teilnehmer und Beobachter sind genervt.

von
Die Angeklagte Beate Zschäpe im Gerichtssaal in München mit ihren Anwälten zusammen hinter der Anklagebank: Das Vertrauen ist zerstört.
Die Angeklagte Beate Zschäpe im Gerichtssaal in München mit ihren Anwälten zusammen hinter der Anklagebank: Das Vertrauen ist...Foto: dpa

Die Nadelstiche hören nicht auf. Am Dienstagmorgen werden die Verteidiger Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm schon wieder gepiesackt. Erst wird bekannt, dass Beate Zschäpe in  einem Antrag die Ablösung von Heer verlangt. Außerdem wünscht die Hauptangeklagte, dass die Sitzordnung am Tisch der Angeklagten geändert wird. Zschäpes neuer Verteidiger, der Münchner Mathias Grasel, trägt vor, wer sich wo hinzusetzen habe. Auf dem ersten Platz, gleich beim Richtertisch, soll er sitzen. Dann folgen Zschäpe, anschließend Stahl, Heer und Sturm.  Zschäpe will nicht einmal zulassen, dass die drei untereinander ihre Plätze festlegen. Heer schüttelt heftig den Kopf. Doch dann gibt er nach. Anderenfalls hätte der Vorsitzende Richter entschieden. Vermutlich im Sinne Zschäpes, damit sie Ruhe gibt.

Das demütigende Schauspiel im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München ist ein weiterer Akt in dem Konflikt zwischen der Hauptangeklagten Beate Zschäpe und drei ihrer vier Verteidiger. Der Streit belastet nun schon seit einem Jahr immer wieder mal die Hauptverhandlung. Im Juli 2014 hatte Zschäpe dem Strafsenat mitteilen lassen, sie habe das Vertrauen in Heer, Stahl und Sturm verloren. Dann vertrug sie sich, so schien es, mit ihnen. Seit Juni jedoch giftet Zschäpe wieder. Heer, Stahl und Sturm sind von den Machtspielchen ihrer Mandantin derart genervt, dass sie am liebsten aufgeben würden. Dann geriete das Jahrhundertverfahren zu den Verbrechen der Terrorzelle NSU in schwere Turbulenzen.

Am Montag beantragten die drei Anwälte beim Vorsitzenden Richter Manfred Götzl, ihre Bestellung zu Pflichtverteidigern aufzuheben. Doch Heer, Stahl und Sturm wurde ihre betont korrekte Haltung zu der schwierigen, launischen Mandantin zum Verhängnis. Die Verteidiger nannten in den Schriftsätzen  keine konkreten Gründe aus der Kommunikation mit Zschäpe, um nicht die anwaltliche Verpflichtung zur Verschwiegenheit zu brechen. Prompt schmetterte Götzl, der solche Episoden eh nicht schätzt, die Anträge als „unsubstantiiert“ ab. Zschäpe grinste. Und dann kam noch ihr derzeitiger Favorit Grasel mit dem Antrag, die Sitzordnung zu ändern. Was dann am Dienstag vollzogen wird.

Heer soll zudem bis zu diesem Mittwoch 16 Uhr dem Strafsenat eine Stellungnahme zu der von Zschäpe geforderten Ablösung als Pflichtverteidiger vorlegen. Noch diese Woche könnte Richter Götzl entscheiden, wie – und vor allem, ob – es mit dem Kölner Anwalt weitergeht. Der als erster die Verteidigung Zschäpes übernommen hatte, noch Ende 2011, kurz nach dem Ende der Terrorzelle NSU.

Für viele Prozessbeteiligten sind die Querelen ein lästiges Ärgernis. Und „unwürdig“, meinen Anwälte der Opfer der NSU-Verbrechen. Zschäpes Provokationen  werden als Dreistigkeit gegenüber den Angehörigen der zehn Ermordeten und den Menschen empfunden, die den Terror verletzt überlebt haben. Zumal die Angeklagte zu allen Vorwürfen der Anklage hartnäckig schweigt und nichts zur Klärung der vielen Fragen im NSU-Komplex beiträgt. Auch Heer, Stahl und Sturm hat sie sich kaum geöffnet.

Ob Zschäpe das bei Grasel tut, ist unklar. In der Hauptverhandlung redet sie oft auf ihn ein, manchmal beugt sie sich nah zu ihm. Der junge Anwalt wirkt dann noch steifer als sonst. Und in der Beweisaufnahme sagt er wenig. Das verwundert kaum. Grasel ist nach mehr als zwei Jahren Prozessdauer in das Mammutverfahren eingestiegen, viele Details dürften ihm fremd sein. Vielleicht auch das Indiz, das am Dienstag zur Sprache kommt und Zschäpe belastet.

Eine Beamtin des BKA berichtet von den Bekenner-DVDs des NSU, die im November 2011 verschickt wurden. Auf dem Umschlag der Sendung, die bei der „Lippischen Landes-Zeitung“ einging, fanden sich Abdrücke von zwei Fingern Zschäpes. Grasel fragt dazu nichts. Das macht dann doch einer der von Zschäpe brüskierten Anwälte, Wolfgang Stahl. Die Angeklagte nimmt es mit dem oft gezeigten Pokerface zur Kenntnis.

Alle Tage im NSU-Prozess zum Nachlesen finden Sie hier.

 

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben