2300 muslimische Gemeinden : Die vielen Stimmen des deutschen Islam

Muslime sind in einer ganzen Reihe konkurrierender Verbände organisiert. Der Zentralrat ist der kleinste, aber auffälligste. Für den Staat ist nicht unerheblich, wer die Muslime repräsentiert - und wer für sie sprechen darf.

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Wer darf sie vertreten? Gläubige vor dem Freitagsgebet in der Duisburger Merkez-Moschee, einer Gemeinde des Verbands Ditib.
Wer darf sie vertreten? Gläubige vor dem Freitagsgebet in der Duisburger Merkez-Moschee, einer Gemeinde des Verbands Ditib.Foto: dpa

Die Frage, wer für die deutschen Muslime sprechen darf, ist erst zehn Jahre alt. Dass nicht allein die muslimischen Organisationen den Islam repräsentierten, stand für die staatliche Seite fest, seit der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) 2006 die Deutsche Islamkonferenz (DIK) ins Leben rief. Und damit entscheiden musste, wen und welche Verbände er dazu einladen sollte. So wurden den Vertretern der – im Laufe der Jahre wechselnden – Verbände lange Zeit „muslimische Einzelpersönlichkeiten“ zur Seite gestellt, ohne dass damit das Problem gelöst wurde. Schließlich repräsentierten die nur sich selbst.

Vor der Frage, wer die Muslime repräsentiert, steht die, wer überhaupt Muslim ist. Inzwischen hat sich die Zahl von 3,8 bis 4,5 Millionen durchgesetzt, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2009 ermittelte, etwa fünf Prozent der deutschen Wohnbevölkerung. Zwei Jahre später allerdings kam ein bundesweiter Zensus nur auf 1,9 Prozent. 1999 lag die Zahl schon einmal ähnlich niedrig. Wie die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus in einer eigenen Studie herausfand, spielten für die Erhebungen oft Zuschreibungen der Statistiker eine Rolle – so wurden oft nur Muslime aus Einwandererfamilien erfasst, nicht aber urdeutsche. Oder Migranten, die zwar aus islamisch geprägten Ländern stammten, aber nicht erkennbar gläubig waren.

Aber auch bekennende und praktizierende Muslime sind schwer in die Statistik zu bringen: Der Islam kennt, anders als die Kirchen, keine Steuer, die ein klares Kriterium für Zugehörigkeit bietet. Selbst der Moscheebesuch gibt nur eingeschränkt Anhaltspunkte. Eine erste Studie über islamisches Gemeindeleben in Deutschland, die die Islamkonferenz beim Essener Zentrum für Türkeistudien und Integration in Auftrag gegeben hatte, stellte 2012 fest, dass Frauen während der Freitagsgebete in den Moscheen deutlich unterrepräsentiert sind. Viele hielten die Teilnahme am Gebet nicht für eine religiöse Pflicht. Andererseits sind Frauen oft die entscheidenden Stützen des Gemeindelebens.

Geschätzt wird, dass es in Deutschland 2300 muslimische Gemeinden gibt. Die meisten gibt es mindestens seit den 80er Jahren, die Mehrzahl ist in zwei türkisch geprägten Dachverbänden organisiert, der Ditib, die auf eine Initiative der Ankaraer Religionsbehörde zurückgeht, und der nächstgrößeren und staatsunabhängigen „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“ (IGMG). Nach dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) ist der „Zentralrat der Muslime“ (ZMD) der Kleinste der vier Großen, die sich 2007 zur gemeinsamen Interessenvertretung im „Koordinationsrat der Muslime“ (KRM) zusammenschlossen. Doch was die Größenverhältnisse nahelegen, hat sich praktisch nie in Vertretungsansprüche umgesetzt: Die große IGMG, unter Beobachtung des Verfassungsschutzes, wurde staatlicherseits lange nicht als Ansprechpartnerin akzeptiert. Die größte Medienpräsenz aller muslimischen Verbände wiederum hat der kleinste Verband ZMD mit seinem eloquenten Chef Aiman Mazyek.

Inzwischen lässt sich die Frage, wer für die Muslime sprechen darf, zwar immer noch nur teilweise mit brauchbaren Zahlen beantworten. Doch der Staat, der Ansprechpartner braucht, hat inzwischen begonnen, sie pragmatisch zu lösen – wie sich gerade in dieser Woche nach den Morden in Frankreich zeigte. Da lud am Dienstagabend der ZMD zur Mahnwache vor dem Brandenburger Tor in Berlin – und der Bundespräsident, die Spitzen der deutschen Politik, der Kirchen und des Judentums folgten, ohne nach Mitgliederzahlen zu fragen. Der Standpunkt der muslimischen Verbände setzt sich langsam durch, dass die Muslime vertritt, wer sie religiös versorgt – mit Geistlichen, aber auch mit der Organisation der Pilgerfahrt nach Mekka. Auch in der Deutschen Islamkonferenz sind die muslimischen Verbände inzwischen die eigentlichen Ansprechpartner der staatlichen Vertreter. Der neue Pragmatismus passt ohnehin besser ins deutsche Religionsverfassungsrecht: Juristen vom Fach weisen öfter darauf hin, dass der Staat nicht entscheiden darf, wie die Religionsgemeinschaft auszusehen hat, die er als Verhandlungspartnerin akzeptiert.

Unterdessen zerfällt der gemeinsame Koordinationsrat, der vor fast acht Jahren mit der Hoffnung gegründet wurde, den Muslimen eine Stimme zu geben. Der Ärger über den Alleingang des ZMD für die Mahnwache am Dienstag macht dessen Zerbröseln nun offenbar. Verbandsvertreter bedauern dies zwar aus innermuslimischer Sicht. Der Dialog mit dem Staat scheint aber keine zentrale Stelle mehr zu brauchen.

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