35 Jahre nach Oktoberfest-Attentat in München : Ermittlungen zu Wiesn-Attentat werden neu aufgerollt

13 Tote, 211 Verletzte: Das Oktoberfest-Attentat vom September 1980 war der blutigste rechtsterroristische Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Viele Fragen blieben offen. Nach 35 Jahren kommt nun wieder Bewegung in den Fall.

Matthias Maus
Selbstmordattentäter. Um 22.19 Uhr zündete Gundolf Köhler 1,39 Kilo TNT. Obwohl es Spuren ins rechtsradikale Milieu gab, sprachen die Behörden stets von einem Einzeltäter.
Selbstmordattentäter. Um 22.19 Uhr zündete Gundolf Köhler 1,39 Kilo TNT. Obwohl es Spuren ins rechtsradikale Milieu gab, sprachen...Foto: Frank Leonhardt, p-a/dpa

Es knallt. Renate Martinez zuckt zusammen. Es ist nur ein Backblech zu Boden gefallen hinten im Café. Aber mit plötzlichen, lauten Geräuschen hat die Münchnerin Probleme: „Ich bin lange nicht mehr so schreckhaft wie früher“, sagt die 68-Jährige mit den dunklen mittellangen Haaren. Doch im Moment des Knalls verraten ihre Gesichtszüge, dass in ihr mehr abläuft als nur eine Schrecksekunde.

Dabei hat sie gar keinen Knall gehört, damals, vor fast 35 Jahren. Dafür war sie viel zu dicht dran an jenem 26. September 1980, um 22.19 Uhr. Ihr Trommelfell platzte sofort, als die Bombe auf der Münchner Theresienwiese hochging. Die Bombe des Oktoberfest-Attentats. Der Sprengsatz des blutigsten rechtsterroristischen Anschlags in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Höhepunkt eines Verbrechens mit 13 Toten, dessen Hintergründe bis heute nicht aufgeklärt sind.

Jetzt wird sich sogar das Bundesverfassungsgericht mit dem Fall befassen. Dreieinhalb Jahrzehnte nach der Tat verklagt die Grünen-Bundestagsfraktion die Bundesregierung darauf, die Namen von V-Leuten preiszugeben. Informanten der Verfassungsschützer, die zur Aufklärung des beispiellosen Verbrechens beitragen können, dessen Folgen bis heute wirken.

Frau Martinez, Pensionärin, ist eine der 211 Verletzten von damals. „Vom Scheitel bis zum Zeh war alles kaputt, Splitter, Verbrennungen, Sehnendurchtrennungen.“ Sie klingt, als lese sie eine Einkaufsliste vor. 13 Wochen Streckverband, 13 Operationen hat sie hinter sich. Sie ist eine von denen, die mit den Folgen des Attentats täglich leben.

Neue Zeugen machten neue Ermittlungen möglich

Ende vergangenen Jahres kam Bewegung in den heißesten „Cold Case“ der Bundesrepublik. Neue Zeugen haben das möglich gemacht, neue Spuren und die Hartnäckigkeit eines Journalisten und eines Anwalts, die nie locker gelassen haben. Beschleunigt hat das auch ein Generalbundesanwalt, der anders handelt als seine Vorgänger. Im Dezember 2014 hat Harald Range die Ermittlungen offiziell wieder aufgenommen.

Nicht erst seit der Aufdeckung des NSU-Terrors besteht die Sorge, dass Ermittler und Geheimdienste auf dem rechten Auge blind waren, dass es eine Kontinuität im Staatsversagen gibt: Von damals, 1980, bis ins zweite Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts, vom Oktoberfest-Attentat bis heute, da die Rollen von Geheimdiensten und V-Leuten im Umfeld des NSU mühsam aufgearbeitet werden.

Umso befremdlicher, dass die Bundesregierung mehrmals, zuletzt im Februar 2015 Anfragen von Linken und Grünen abschmetterte. Sie wollten die Rolle und die Identität von V-Leuten im Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann klären. Mit der hatte der Bombenleger Gundolf Köhler intensiven Kontakt: „Zum Schutz der Funktionsfähigkeit der Nachrichtendienste“, lautet die Antwort des Justizministeriums, könnten solche Anfragen „nicht beantwortet werden.“ Wer soll da geschützt werden, 35 Jahre später?

„Die Antwort der Bundesregierung ist eine Provokation“, sagt Ulrich Chaussy dem „Tagesspiegel“. Der preisgekrönte BR-Journalist und Autor mehrerer Sachbücher ist der genaueste und hartnäckigste Chronist des Attentats und seiner Folgen. Er sitzt im Foyer des Bayerischen Rundfunks in München. „Entweder wir sollen für dumm verkauft werden, oder die V-Leute von damals sind noch heute aktiv in der rechten Szene – nach 35 Jahren!“ Schon aus Altersgründen ist das kaum vorstellbar, sagt Chaussy, der langsam und überlegt spricht. Vieles ist offen, rätselhaft in dem Fall.

„Es gibt Inkompetenz, und es gibt Verschleierung“, sagt der Münchner Rechtsanwalt Werner Dietrich am Telefon, „und manchmal kommt beides zusammen“. Dietrich, der von Anfang an viele Opfer des Attentats vertritt, bezieht den Satz auf die Ermittlungen zum NSU. Er gilt aber auch für das Oktoberfest-Attentat.

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