50 Jahre Sechstagekrieg : Wie Israel in sechs Tagen einen Krieg gewann

Am 5. Juni 1967 begann der Sechstagekrieg. Die israelische Regierung fürchtete die Auslöschung des jüdischen Staates. Es wurde ein blitzschneller Sieg.

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Israelische Panzer rücken im Juni 1967 auf der Halbinsel Sinai auf ägyptische Stellungen vor.
Israelische Panzer rücken im Juni 1967 auf der Halbinsel Sinai auf ägyptische Stellungen vor.Foto: dpa

Am Morgen des 5. Juni 1967 schlug Israels Luftwaffe in einem Blitzschlag zu. Die ägyptischen, syrischen und jordanischen Streitkräfte waren völlig überrascht. Ihre Kampfflugzeuge standen auf dem Boden, als Israel angriff. Zwar dauerte der Krieg insgesamt nur sechs Tage, und es gab auch harte, blutige Schlachten, strategisch entschieden war der Waffengang allerdings bereits nach wenigen Stunden. Am Ende hatte Israel diese Gebiete erobert: von Jordanien das Westjordanland einschließlich Ostjerusalem, von Syrien die Golanhöhen und von Ägypten den Gazastreifen sowie die Sinai-Halbinsel mit ihren Ölquellen.

Nasser wollte Anführer der arabischen Welt werden

Wie war es dazu gekommen? Recht besehen, litten alle am Krieg beteiligten Staaten an einer geradezu existenziellen Krise. Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser wollte der Anführer der gesamten arabischen Welt werden (Panarabismus), doch der Erfolg ließ auf sich warten. Der mit Syrien 1958 vollzogene Zusammenschluss zur Vereinigten Arabischen Republik stand nur auf dem Papier. Und die ägyptische Interventionsarmee steckte im Morast des jemenitischen Bürgerkriegs fest. Ihr militärischer Misserfolg warf Ägyptens Wirtschaft weiter zurück. In Nassers Reich drohten sogar Hungerrevolten.

Kaum besser war die Lage für Syriens Führung. Wie heute, allerdings weniger sichtbar und nicht so heftig, rangen die verschiedenen Bevölkerungsgruppen miteinander. In Politik und Militär hatte sich fast jeder gegen jeden positioniert. Syriens langes Säbelrasseln seit 1948/49 gegen Israel hatte ins Nichts geführt. Im Gegenteil. Seit 1964 leitete Israel gegen den Willen Syriens Jordanwasser aus dem See Genezareth in die Negev-Wüste. Die Herrschenden in Damaskus hatten das gesamte Jordanwasser gewollt, nicht nur einen Teil – sie bekamen nichts.

Der jüdische Staat stagnierte

König Hussein von Jordanien hatte das 1948 von seinem Großvater Abdallah völkerrechtswidrig annektierte Westjordanland plus Ostjerusalem seit Jahren nicht nur wirtschaftlich benachteiligt. Das Ostjordanland wurde eindeutig bevorzugt. Damit sollten die dem Königshaus gegenüber feindseligen Westjordan-Palästinenser bestraft werden. Sie reagierten ihrerseits, zwangen durch aktiven und passiven Widerstand den König am 30. Mai 1967 zu einem Militärbündnis mit Ägypten. So hofften sie, gemeinsam mit Nasser Israel vernichten zu können.

Und die Entwicklung des jüdischen Staates? Stagnierte. Besonders die damals durch und durch staatsinterventionistische Wirtschaft. Es kamen kaum noch jüdische Einwanderer ins Land. Der letzte Israel-Auswanderer möge am Flughafen das Staatslicht ausschalten, besagte ein melancholischer Witz resignierender Israelis. Und das waren damals die meisten.

Ägypten mobilisiert

In dieser Situation trat Ägyptens Nasser die Flucht nach vorn an. Am 14. Mai mobilisierte er seine Streitkräfte. Zwei Tage später rückten sie auf der Sinai-Halbinsel Richtung Israel vor. Am 22. Mai ließ Nasser im Roten Meer die Straße von Tiran für israelische Schiffe Richtung Eilat, der südisraelischen Hafenstadt, sperren. Am selben Tag verkündete Radio Kairo: „Das arabische Volk ist entschlossen, Israel von der Landkarte verschwinden zu lassen.“ Ankündigungen dieser Art alarmieren spätestens seit Hitler jeden Juden. Ägypten schien, jenseits der martialischen Vollmundigkeit, Ernst zu machen, denn die Sperrung der Meerenge von Tiran bei Scharm el Scheich verhinderte Israels gesamte Ein- und Ausfuhr von und nach Asien sowie Afrika. Mehr noch. Das vom iranischen Schah gelieferte Erdöl konnte Israel nicht mehr erreichen.

Das alles war erklärtermaßen für Israel Kriegs-, weil Seins- und Lebensgrund. Jüngst freigegebene Wortprotokolle des Kabinetts in Jerusalem dokumentieren: Nicht nur Israels Bevölkerung und Israelfreunde in der Welt, sondern auch Israels Regierung fürchtete die Auslöschung des jüdischen Staates, sozusagen einen zweiten Holocaust. Ironie der Geschichte: Das Blitzkriegskonzept von Hitlers Wehrmacht, also der militärisch (nicht politisch) überraschende Erstschlag, führte 1967 zu Israels militärischem Kantersieg. Dies gesagt, sei dies geklärt: Instrumentelle Ähnlichkeit bedeutet keine moralische. Hitler ging ohne Not, Israel aus der Not in die Offensive.

Was nun, was tun?

Der Anruf König Husseins kam nicht

Israel hatte zwischen dem 5. und 10. Juni 1967, also innerhalb von sechs Tagen, Gebiete erobert, die um ein Vielfaches größer waren als sein bisheriges Territorium. Es beherrschte zwei der drei Jordan-Quellflüsse, Ostjerusalem wurde Israel einverleibt. Was nun, was tun mit den eroberten Gebieten und rund 800 000 Palästinensern unter israelischer Herrschaft? Von Groß-Israel, also Total-Annexion und Umsiedlung, bis zur vollständigen Rückgabe wurden in Gesellschaft und Politik alle denkbaren Optionen kontrovers besprochen. Durchgesetzt hat sich die pragmatische Linie von Verteidigungsminister Mosche Dajan, dem „Kriegshelden“ von 1956 (Sinai-Feldzug gegen Ägypten) und Juni 1967. Er verkündete aller Welt, Israel warte auf einen Telefonanruf König Husseins, um mit ihm über die Rückgabe des Westjordanlands zu verhandeln. Offen blieben die Pläne bezüglich der Golanhöhen und Sinai-Halbinsel. Der Anruf Husseins kam nicht. Stattdessen folgte im August 1967 aus Sudans Hauptstadt Khartum das dreifache Nein des Arabischen Gipfels – nein zur Anerkennung Israels, nein zu Verhandlungen und nein zum Frieden mit Israel.

Im November 1967 schalteten sich die Vereinten Nationen (UN) ein und formulierten in der Entschließung 242 des Weltsicherheitsrates ihre Vorstellungen. Israel solle sich aus den eroberten Gebieten zurückziehen. Gepflogenheiten der Weltorganisation entsprechend war sie sowohl auf Englisch als auch Französisch verfasst und somit, ebenfalls UN-Traditionen gemäß, unklar, schwammig sowie verschieden interpretierbar. Waren alle eroberten Gebiete gemeint oder nur einige? Bis heute pickt sich jeder Akteur das ihm Genehme heraus.

Kein Stellvertreterkrieg

Von einem Staat der Palästinenser war in der UN-Resolution keine Rede. Das wiederum beschleunigte den Weg der 1964 gegründeten PLO zur Strategie der Guerilla- und Terror-Gewalt gegen Israel. Sie hat bis heute die Palästinenser ihrem Staat nicht nähergebracht. Im Gegenteil. Sie hat zur Verhärtung der israelischen Öffentlichkeit und damit der israelischen Politik geführt.

Und der Kalte Krieg zwischen Ost und West? War der Sechstagekrieg ein Stellvertreterkrieg? Mitnichten. Die arabischen Staaten schubsten sich allein in den Krieg, Israel ging gegen den Willen der USA und seines damaligen Hauptwaffenlieferanten Frankreich von der Total-Defensive in die Offensive. Zur Strafe lieferte Frankreich Israel danach kein Kriegsgerät mehr. Erst 1973 wurden Israel und die Vereinigten Staaten strategische Partner.

Aus Gaza und Süd-Libanon kommt Gefahr

„Land für Frieden“ und zwei Staaten – hier Israel, dort Palästina – gilt als bevorzugte Lösung. Klingt gut. Doch wohin bei der Zweistaatenlösung mit 500.000 jüdischen Siedlern im Westjordanland und 1,3 Millionen Palästinensern in Israel? Auf Land hat der jüdische Staat verzichtet: die Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen und Süd-Libanon. Der Frieden mit Ägypten hält. Aus Gaza und Süd-Libanon kam und kommt Gefahr.

Was tun, was nun?

Michael Wolffsohn ist Historiker und Publizist. Er lehrte zwischen 1981 und 2012 als Professor an der Münchener Universität der Bundeswehr Neuere Geschichte. Wolffsohn ist Autor unter anderem von „Wem gehört das Heilige Land?“, „Zum Weltfrieden“ und „Deutschjüdische Glückskinder – eine Weltgeschichte meiner Familie“.

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