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52. Tag im NSU-Prozess : Wie die NSU-Terrorzelle aufflog

Ein Leitender Polizeidirektor aus Thüringen war der erste Polizist, der den Neonazis des NSU nach fast 14 Jahren auf die Spur kam. Nach dem letzten Banküberfall der Terrortruppe vertrat er die These, dass die Täter auf Fahrrädern zu einem Transporter geflüchtet waren - und handelte schnell.

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November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht sich die Bundesrepublik erstmals seit der Wiedervereinigung mit rechtsextremem Terror in größerem Ausmaß konfrontiert. Schnell ist die Rede vom Jenaer Neonazi-Trio um Beate Z. (36), Uwe B. (34) und Uwe M. (38). Ihre Spur lässt sich bis in die 90er Jahre zurückverfolgen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
20.03.2013 13:59November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht...

Die Thüringer Polizei hat im Fall der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ viele Fehler gemacht – doch es ist dem Spürsinn und Engagement eines führenden Beamten des Landes zu verdanken, dass der NSU aufflog. Schon kurz nach dem Überfall von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf eine Filiale der Sparkasse in Eisenach am Morgen des 4. November 2011 habe er die These vertreten, die Täter seien auf Fahrrädern zu einem Transportfahrzeug geflüchtet, sagte der Leitende Polizeidirektor Michael Menzel am Mittwoch im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München. Menzel hatte akribisch einen Banküberfall auswerten lassen, den Mundlos und Böhnhardt vier Wochen zuvor auch in Thüringen begangen hatten, in Arnstadt.

"Eisenach war abgeriegelt"

Auch wenn Menzel am 4. November 2011 noch nicht wusste, dass er dem NSU nahe kam, war er knapp 14 Jahre nach dem Abtauchen von Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe der erste Polizist, der die richtige Spur verfolgte. In Arnstadt hatten Mundlos und Böhnhardt den Tatort mit zwei Fahrrädern verlassen und waren mit ihrer Beute, 15 000 Euro, verschwunden. Nach dem Überfall in Eisenach, dort raubten die zwei Neonazis knapp 72 000 Euro, schickte Menzel zahlreiche Polizeikräfte in die Stadt. Menzel war damals Polizeidirektor für die Region Gotha, zu der auch Eisenach zählt. Die Polizei beschränkte sich nicht auf die übliche  Ringalarmfahndung, sondern besetzte laut Menzel auch alle „Abgangswege“ vom Tatort. Ausschau gehalten wurde auch nach zwei Männern mit Fahrrädern. „Eisenach war abgeriegelt“, sagte Menzel dem 6. Strafsenat.

Bilder vom NSU-Prozess
Keine Schreie, keine Flüche, kein inszenierter Schmerz für die Kameras. Am ersten Tag des NSU-Prozesses vor dem Oberlandesgericht in München, reagierten die Hinterbliebenen der Opfer mit stummer Trauer auf Beate Zschäpe.Weitere Bilder anzeigen
1 von 26Foto: dpa
06.05.2013 19:33Keine Schreie, keine Flüche, kein inszenierter Schmerz für die Kameras. Am ersten Tag des NSU-Prozesses vor dem Oberlandesgericht...

Zeuge sah das Wohnmobil von Böhnhardt und Mundlos

Die Beamten befragten zudem Passanten. Im Ortsteil Stregda, keine zwei Kilometer von der überfallenen Sparkasse entfernt, sagte ein Zeuge, er habe zwei Männer gesehen, die ihre Fahrräder in einem Wohnmobil verstauten. Es war der entscheidende Tipp. Als sich Beamte dem Wohnmobil näherten, seien zwei Schüsse gefallen, sagte Menzel. Die Beamten gingen in Deckung und riefen Verstärkung. „Gegen 12 Uhr fünf kam es zum Brand“, sagte Menzel. Mundlos hatte, wie man heute weiß, Böhnhardt erschossen, im Wohnmobil Feuer gelegt und sich dann selbst mit einer Pumpgun getötet.

Der Fall wurde rasch noch dramatischer

Wegen der Schüsse habe er sich gefragt, ob es auch eine Geiselnahme gegeben habe, sagte Menzel. Er traf in der Nähe des Wohnmobils ein, als die Feuerwehr das Fahrzeug weitgehend gelöscht hatte. Im Wohnmobil lagen Mundlos und Böhnhardt mit großflächigen Kopfverletzungen. Eine Geisel hatten sie nicht genommen. Mundlos und Böhnhardt konnten bald identifiziert werden – als zwei der drei Neonazis, die 1998 in einer Garage in Jena Bomben gebaut hatten und dann abgetaucht waren. Doch der Fall wurde rasch noch dramatischer.

Bald sei eine der Waffen identifiziert worden, die im Wohnmobil lagen, sagte Menzel und stockte kurz. „Es war die der Kollegin Kiesewetter.“ Mundlos und Böhnhardt hatten die Polizistin Michèle Kiesewetter im April 2007 in Heilbronn erschossen und ihre Dienstwaffe an sich genommen.

Polizei stieß auf wichtigsten Komplizen des NSU

Über das Kennzeichen des Wohnmobils bekam die Polizei bald heraus, dass das Fahrzeug von einem Verleih in Zwickau stammte. Als Mieter war allerdings ein „Holger Gerlach“ aufgetreten, zusammen mit einer Frau – womöglich Beate Zschäpe – und einem Kind. Bei einer von Menzel initiierten, bundesweiten Abfrage stieß die Polizei auf einen Holger Gerlach in Niedersachsen. In der Nacht zum 5. November 2011 wurde der Mann ausfindig gemacht. Es handelte sich um einen der mutmaßlich wichtigsten Komplizen des NSU. Gerlach ist einer der Angeklagten im Prozess und hat zugegeben, manipulierte Papiere mit seinem Namen für Uwe Böhnhardt beschafft zu haben.

Über einen schnellen Informationsaustausch mit der Polizei in Sachsen bekamen Menzels Beamte auch heraus, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe in Zwickau gelebt hatten – in einer Wohnung in der Frühlingsstraße 26, die Zschäpe am 4. November 2011 angezündet hatte. Die rechtsextreme Zelle war enttarnt. Hätte Menzel nicht im Herbst 2011 erkannt, nach welcher Methode Mundlos und Böhnhardt bei Banküberfällen vorgingen, wäre der NSU vermutlich nicht aufgeflogen. Obwohl die beiden Neonazis zuvor schon mehrfach nach ähnlichem Muster geraubt und die Flucht organisiert hatten, vor allem in Sachsen. Außerdem hatten Zeugen auch bei mehreren Morden des NSU zwei Männer mit Fahrrädern gesehen. Aber die bundesweite Fahndung blieb trotz großen Aufwands erfolglos. Bis im November 2011 ein Leitender Polizeidirektor in Thüringen die richtige Idee hatte – und umgehend handelte. Beate Zschäpe stellte sich dann vier Tage nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt der Polizei in Jena.

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