78. Tag im NSU-Prozess : Trauriger Auftritt von Böhnhardts Vater

Der Vater des toten NSU-Mörders Uwe Böhnhardt wirkt bei seiner Aussage überfordert. Er schilderte Beate Zschäpe und Uwe Mundlos als nett - aber genauso unzugänglich wie seinen Sohn.

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Jürgen Böhnhardt wirkte bei seiner Aussage überfordert.
Jürgen Böhnhardt wirkte bei seiner Aussage überfordert.Foto: dpa

Er redet anfangs leise, die Stimme ist heiser, er zieht das Mikrophon nahe heran.. „Ich habe den Ernst der Lage nicht erkannt“, sagt Jürgen Böhnhardt. Obwohl die Polizei ihm in den 1990er Jahren Fotos von seinem Sohn bei rechtsextremen Aufmärschen gezeigt hatte, die Wohnung der Familie mehrmals durchsucht wurde und Sohn Uwe in Haft gesessen hatte. Woher Uwe rechtsextremes Gedankengut hatte, er wisse es nicht, „er hat auch nicht mit uns diskutiert“. Der Vater des toten NSU-Mörders Uwe Böhnhardt wirkt bei seiner Aussage am Donnerstag im NSU-Prozess überfordert. Leicht gebeugt ist der 69-Jährige in den Saal des Oberlandesgerichts München gekommen, vielleicht ist er ein gebrochener Mann.

Der ehemalige Ingenieur aus Jena hat weder die Kraft seiner Ehefrau, die im November resolut bis selbstgefällig aufgetreten war, noch die Aggressivität des Vaters von Uwe Mundlos, der im Dezember den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl als „kleinen Klugsch . . .“ beleidigte. Jürgen Böhnhardt scheint still zu leiden.

Trauriger Auftritt von Böhnhardts Vater

Die Aussage des Vaters hat im Prozess kaum Unmut hervorgerufen, der Auftritt macht einen eher traurigen Eindruck. Jürgen Böhnhardt deutet an, dass er sich Vorwürfe macht, dass er sich zu wenig um den Sohn gekümmert hat, auch als der schon als Rechtsextremist Probleme mit Polizei und Justiz bekommen hatte. Auf die Frage von Richter Götzl nach der Situation in der Familie, bevor der Sohn mit Uwe Mundlos und Beate Zschäpe in den Untergrund ging, sagt der Vater, er und seine Frau seien arbeiten gegangen, Uwe „hat sich irgendwo herumgetrieben“. Aber er habe ihn nie geschlagen, „vielleicht hätten wir das mal machen sollen, eine ordentliche Ohrfeige“. Aber er sei, sagt Jürgen Böhnhardt, „absolut gegen Gewalt“.

Manche Sätze sind wirr, der Vater verwechselt auch mehrmals Jahreszahlen. Und ein Versuch, ein wenig Zweifel an den Umständen des NSU-Terrors vorzubringen, wirkt hilflos. Er könne sich nicht vorstellen, dass Uwe seine Waffen „bei uns gehabt hat, in der Wohnung“. Als würden die Ermittlungsbehörden glauben, der Sohn habe das Arsenal des NSU von zuhause mitgenommen. Das haben Polizei und Bundesanwaltschaft nie behauptet, auch wenn bis heute bei mancher Waffe nicht klar ist, wie die Terrorzelle an sie herankam. Richter Götzl, sonst schnell mit Nachfragen dabei, lässt den Satz einfach durchgehen.

Jürgen Böhnhardt löst Gelächter aus

Jürgen Böhnhardt schildert Uwe Mundlos und Beate Zschäpe als nett und freundlich, aber ebenfalls unzugänglich bei Diskussionen über ihre rechtsextreme Einstellung. Sonst sei Zschäpe, die mit dem Sohn liiert war und auch mal bei den Böhnhardts wohnte, ihm und seiner Frau gegenüber aufgeschlossen gewesen. Sie sei bereit gewesen, „was zu lernen, was eine Frau machen muss, kochen, backen“. Im Saal ist Gelächter zu hören. Jürgen Böhnhardt wehrt sich, „ja, lachen Sie“, dann senkt er den Kopf.

Zusammen mit seiner Frau habe er drei- oder viermal von einer Telefonzelle aus mit den drei Untergetauchten telefoniert, sagt Jürgen Böhnhardt. Er berichtet auch, ein Mittelsmann habe für den Sohn Geld und Kleidung abgeholt. In einen Kleidersack hat der Vater 900 D-Mark getan, das Geld war aus einer Erbschaft. Und der Vater gibt an, dass er mit seiner Frau zu konspirativen Treffen mit den Dreien gefahren ist.

"Da war das Heulen groß"

Bei einer Autobahnabfahrt nahe Chemnitz sei das gewesen, 1999, 2000 und zuletzt 2002. Wie jedes Mal hätten er und seine Frau den Sohn, Zschäpe und Mundlos aufgefordert, sich zu stellen. Die drei hätten immer abgelehnt. Und 2002 hätten sie gesagt, es werde kein weiteres Treffen geben. „Da war das Heulen groß“, sagt Jürgen Böhnhardt, „dann sind wir weggefahren“. Danach hätten sie nie wieder etwas von den Dreien gehört. „Bis wir die Mitteilung gekriegt haben . . .“ Der Vater beendet den Satz nicht.

Am 5. November 2011 hatte Beate Zschäpe bei den Böhnhardts angerufen und mitgeteilt, Uwe sei tot. Am Tag zuvor hatte Mundlos in einem Wohnmobil in Eisenach Böhnhardt erschossen und sich selbst. Die beiden NSU-Mörder hatten in der thüringischen Stadt eine Filiale der Sparkasse ausgeraubt, bei der Flucht kam ihnen die Polizei auf die Spur. Das Telefonat mit Zschäpe führte Ehefrau Brigitte Böhnhardt. „Das war gegen 7 Uhr“, sagt der Vater. Die Stimme stockt.

Zschäpe habe gesagt, „dass der Uwe tot ist und dass wir die Nachrichten anmachen sollen“. Er habe das über seine Frau erfahren, „in etwa, aufnahmefähig war keiner von uns“. Und zwei, drei Sätze später drängt es den Vater, einige Worte an die Opfer des NSU-Terrors zu richten. „Ich möchte mein Beileid ausdrücken den Leuten, die Opfer geworden sind von den Uwes“, sagt er. Es tue ihm unendlich leid, „was da passiert ist“. Und Jürgen Böhnhardt ist den Hinterbliebenen der Ermordeten und den überlebenden Opfern „dankbar, dass uns niemand zur Rechenschaft gezogen hat, uns niemand beschimpft hat“.

Beate Zschäpe hört dem Vater ihres einstigen Freundes ohne größere Regung zu. Manchmal, so scheint es, ist in ihrem Gesichtsausdruck ein wenig Mitleid mit dem alten Mann zu erkennen.  

 

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