Politik : Abschied von einem Wegbereiter der Freiheit

Meine persönlichen Erinnerungen an den tschechischen Ex-Außenminister Dienstbier / Von Hans-Dietrich Genscher

Freunde. Dienstbier (r.) und Genscher 1999 bei einer Gedenkveranstaltung. Foto: dpa
Freunde. Dienstbier (r.) und Genscher 1999 bei einer Gedenkveranstaltung. Foto: dpaFoto: dpa

Jibí Dienstbier wird uns fehlen. Uns, den Demokraten, uns, den Europäern, und ganz besonderes auch uns Deutschen. Tschechien ist ärmer geworden und Europa auch. Ich habe einen wunderbaren Freund verloren. Ein europäischer Humanist ist von uns gegangen, aber sein Vermächtnis bleibt: unbeirrbar eintreten für Freiheit und Menschenrechte, für Demokratie und für Europas Einheit. „Träumen von Europa“, überschrieb er sein Buch, das in der Verfolgung 1985 und 86 in einer Heizungsanlage in Prag entstand. Dort, wo er, der Sprecher der Charta 77, für seinen Lebensunterhalt arbeitete.

Begegnet sind wir uns zum ersten Mal 1968 während des Prager Frühlings, als Walter Scheel und ich als Abgeordnete nach Prag reisten, um unsere Verbundenheit mit den Kräften des Prager Frühlings deutlich zu machen. Mit Ausnahme von Alexander Dubmek trafen wir mit seinen führenden Persönlichkeiten zusammen, darunter auch der Außenminister der Reformregierung, Jibí Hájek, der außenpolitisch zum Vorbild für Jibí Dienstbier werden sollte. Im Hinterzimmer eines der urgemütlichen Prager Bierlokale kamen wir auch mit jungen Journalisten zusammen, die Dubmek unterstützten. Einer von ihnen war Jibí Dienstbier. Wir konnten damals nicht ahnen, dass wir uns 21 Jahre später als Außenminister unserer Länder wiederbegegnen würden. Als ich das erste Mal sein Gast als Außenminister in Prag war, lud er mich in dieses Restaurant ein. Dazwischen lagen für ihn, an der Seite von Václav Havel, Jahre der Verfolgung und des Aufbegehrens. Er gehörte zu den Mitverfassern der Charta 77, so wie Jibí Hájek auch. Begegnungen mit Hájek in unserer Botschaft hatte ich zur Voraussetzung von Besuchen in Prag als Außenminister in der kommunistischen Zeit gemacht.

Der Humanist Jibí Dienstbier verkörperte zutiefst Menschlichkeit, Liebenswürdigkeit und Toleranz. Unvergesslich sein hintergründiger Humor. Als ich ihn bei unserer ersten Begegnung als Minister fragte: „Können wir Ihnen helfen?“, lächelte er und sagte: „Ja, schenken Sie uns Ihre Probleme und nehmen Sie unsere!“ Besser als viele Deutsche wusste er, dass die Einheit Deutschlands und die Einheit Europas zusammengehören. Am 11. März 1985 unterzeichnete er einen Aufruf, in dem es hieß: „Gestehen wir den Deutschen also das Recht zu, sich frei zu entscheiden, ob und in welchen Formen sie die Vereinigung ihrer beiden Staaten in ihren jetzigen Grenzen wünschen.“

Wenn wir uns nun vor dem großen Demokraten, Jibí Dienstbier, in Dankbarkeit und Respekt verneigen, dann tun wir das vor einem der Wegbereiter der europäischen und deutschen Einheit in Freiheit. So wie Václav Havel, wie Lech Walesa und wie Andrei Sacharow es waren. Sie wussten: „Freiheit für die Völker Europas und die Einheit Europas gehören untrennbar zusammen.“ Ihr Vermächtnis steht gegen die Renationalisierung des Denkens, die sich überall in Europa zu Wort meldet.

Der Autor war von 1974 bis 1992 Außenminister.

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