Abtreibungsrechte in den USA : Vergewaltigungs-Debatte: Kandidat Akin in der Kritik

Mit seinen Äußerungen über Abtreibungsrechte nach einer Vergewaltigung löste Todd Akin, der republikanische Senatskandidat von Missouri, in den USA Empörung aus. Die Affäre durchkreuzt Romneys Wahlkampf-Strategie – und droht, die Republikaner nachhaltig zu schädigen.

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Todd Akin im Interview mit einem regionalen Fernsehsender in Missouri. Der republikanische Senatskandidat vertritt die Auffassung, dass Abtreibung auch bei Vergewaltigungsopfern gesetzlich verboten sein sollte.
Todd Akin im Interview mit einem regionalen Fernsehsender in Missouri. Der republikanische Senatskandidat vertritt die Auffassung,...Foto: dapd

Washington - Anstößige Bemerkungen des republikanischen Senatskandidaten von Missouri, Todd Akin, über Abtreibungsrechte nach einer Vergewaltigung haben Empörung in den USA ausgelöst. Seine eigene Partei möchte ihn rasch zum Rücktritt von der Kandidatur bewegen. Die Affäre kann enorme machtpolitische Auswirkungen haben. Der Ausgang der Senatswahl in Missouri gibt womöglich den Ausschlag dafür, ob die Demokraten oder die Republikaner künftig die Mehrheit in der zweiten Kongresskammer haben. Die Affäre kann zudem die Präsidentenwahl beeinflussen und den Vorsprung Präsident Obamas vor dem Republikaner Mitt Romney vergrößern.

In einem Interview mit einem regionalen Fernsehsender in Missouri vertrat Akin Auffassungen zur Abtreibung nach Vergewaltigungen, die im rechten Parteiflügel verbreitet sind, aber keine Mehrheit in der Bevölkerung finden, und benutzte zudem falsche juristische Begriffe. Er behauptete, in der Regel komme es nach einer Vergewaltigung nicht zur Befruchtung der Eizelle, da der weibliche Körper sich in solchen Fällen dagegen wehre. Falls es aber doch geschehe, solle man „den Vergewaltiger bestrafen und nicht das Kind“. Nach medizinischen Statistiken in den USA führen Vergewaltigungen in fünf Prozent der Fälle zu Schwangerschaften; das sei keine unerhebliche Größe, sagen Experten.

Akin versuchte darüber hinaus eine Unterscheidung zwischen Vergewaltigung unter Einsatz physischer Gewalt und Vergewaltigung ohne physische Gewalt einzuführen. Nur im ersten Fall möchte er eine Abtreibung erlauben. Er sprach jedoch von „legitimate rape“ – was so klingt, als könne es eine rechtlich zulässige Form der Vergewaltigung geben.

Die Äußerungen verbreiteten sich über Blogger rasch im ganzen Land und waren am Montagabend ein Hauptthema der TV-Nachrichten. Die Affäre wirkt wie ein Wahlkampfgeschenk an die Demokraten. Der 65-jährige Akin gehört dem rechten Flügel der Republikaner an. Er hatte die Kandidatur vor wenigen Tagen mit der relativen Mehrheit von 36 Prozent gegen mehrere gemäßigte Konkurrenten gewonnen. Er war der Wunschgegner der Demokratin Claire McCaskill, die den Senatssitz von Missouri innehat. In dem generell ungünstigen politischen Klima für Demokraten angesichts der Wirtschaftskrise glaubt sie, einen rechten Republikaner eher besiegen zu können als einen moderaten.

Die Parteiführung wollte Akin möglichst noch am Dienstag zum Rücktritt bewegen. Nach Missouris Wahlrecht endete gestern die Frist, in der die Partei ohne großen Aufwand einen Ersatzkandidaten benennen darf. Akin machte jedoch keine Anstalten, den Rücktrittsforderungen nachzukommen. So droht die Affäre, die Chancen der Republikaner nachhaltig zu beschädigen. Um die Mehrheit im Senat zu erobern, müssen sie den Demokraten bei der Wahl im November mindestens vier Sitze abnehmen. Missouri spielt bei diesem Plan eine Schlüsselrolle.

Zudem wird Romneys Strategie durchkreuzt, die Wirtschaft zum Kernthema im Wahlkampf gegen Obama zu machen und keine Ablenkung davon zuzulassen, schon gar nicht durch einen Streit um Abtreibung. Wählerinnen betrachten die republikanische Rhetorik zu Fragen der Sexualität und der Abtreibung seit längerem mit Misstrauen. Die Demokraten behaupten erfolgreich, die konservative Partei führe mit ihrer überzogenen Sexualmoral einen „Krieg gegen Frauen“.

Wenn ältere rechtskonservative Politiker ihre Forderung forcieren, das Abtreibungsrecht zu verschärfen, lassen sich die Folgen meist rasch in den Umfragen ablesen. Im Frühjahr 2012, als die republikanischen Präsidentschaftskandidaten ihre Positionen in den Fernsehdebatten diskutierten, wuchs Präsident Obamas Vorsprung vor Mitt Romney, der damals bereits der Favorit der Republikaner für die Kandidatur war, unter weiblichen Wählern auf 19 Prozent – und das, obwohl Romney moderate Positionen vertritt und für das Recht auf Abtreibung nach Vergewaltigung oder bei Gefahr für das Leben der Mutter eintritt .

Traditionell wählen Frauen in den USA überwiegend demokratisch, Männer überwiegend republikanisch. Der jeweilige Vorsprung liegt meist zwischen sechs und acht Prozent. Wenn der sogenannte „Gender Gap“, das unterschiedliche Wahlverhalten der Geschlechter, aus der Balance gerät, kann das die Wahl entscheiden. Christoph von Marschall