Afghanistan : Sicherheitslücke

Die Lage in Afghanistan hat sich 2013 deutlich verschlechtert – genaue Daten über Angriffe und Anschläge der Taliban und anderer Aufständischer veröffentlicht die Bundeswehr aber nicht mehr.

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Die afghanischen Sicherheitskräfte sind deutlich schlechter ausgestattet als die Soldaten der Nato.
Die afghanischen Sicherheitskräfte sind deutlich schlechter ausgestattet als die Soldaten der Nato.Foto: rtr

Wie sicher ist Afghanistan? Und wie sicher wird es sein, wenn die Nato ihre Kampftruppen Ende des Jahres aus dem Land abgezogen hat? Das sind zentrale Fragen, die 2014 mit jeder Truppenreduzierung neu gestellt werden dürften. Doch es wird kaum möglich sein, sie seriös zu beantworten. Denn weder die Nato noch die Bundeswehr veröffentlichen noch Statistiken zu „sicherheitsrelevanten Zwischenfällen“ in Afghanistan. Gemeint sind damit Anschläge und Angriffe von Taliban, anderen Aufständischen und auch von organisierten Kriminellen wie Drogenbanden, die eine demokratische Entwicklung des Landes verhindern wollen. Das Einsatzführungskommando der Bundeswehr begründet die seit Mitte 2013 geltende Informationspolitik mit der schlechten Datenbasis, seit die Afghanen in den meisten Regionen selbst für die Sicherheit verantwortlich sind. „Wir wissen nicht, was gemeldet wird und was nicht“, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel. Schon 2012 sei deutlich geworden, dass die Daten von afghanischer Seite nicht immer genau und aktuell gewesen seien.


Tatsächlich musste die Bundeswehr in dem Jahr ihre Angaben korrigieren. Für den Afghanistan-Experten Thomas Ruttig, Co-Direktor des unabhängigen „Afghan Analysts Network“, klingt es dennoch nach einer Ausrede, wenn die Deutschen und die Nato deshalb nun ganz auf Statistiken zur Sicherheitslage verzichten. „Die Isaf-Schutztruppe könnte diese Daten gemeinsam mit den Afghanen erheben“, sagt er. Und: „Nun ist es deutlich schwerer, herauszufinden, wie sich die Sicherheitslage entwickelt.“ Vielleicht sei dies den Nato-Staaten im Jahr des Abzugs aber auch ganz recht.


Klar ist: 2013 war eines der gefährlichsten in Afghanistan. Allein im ersten Halbjahr, in dem noch eine Statistik geführt wurde, gab es deutlich mehr Zwischenfälle als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Im Einsatzführungskommando geht man davon aus, dass sich dieser Trend fortgesetzt hat. „Auch mit Blick auf die anstehenden Wahlen im April haben die Aufständischen ihre Angriffe gezielt verstärkt“, erläutert der Sprecher. Offensichtlich wollten die Kämpfer damit das Vertrauen in die afghanische Regierung und die neuen Sicherheitskräfte erschüttern. Ruttig, der mit Kollegen seines Experten-Netzwerks zumindest punktuell Informationen über die Sicherheitslage sammelt, weiß zu berichten, dass in dem lange umkämpften Distrikt Char Darah im Norden, in dem auch Bundeswehrsoldaten ums Leben kamen, die Taliban teilweise wieder die Kontrolle übernommen haben. Den Sicherheitskräften fehle es an Ausrüstung und Moral, erläutert er. Viele Soldaten verließen die Armee wieder, insgesamt verliere sie jedes Jahr fast ein Drittel ihrer Soldaten durch Abgänge oder Todesfälle. „Es ist kaum möglich, das wettzumachen.“

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