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Exklusiv: West-Pharmafirmen experimentierten in der DDR

27.12.2012 21:58 Uhrvon , Benedikt Peters
Frauenstation in einem DDR-KrankenhausBild vergrößern
Frauenstation in einem DDR-Krankenhaus - Foto: ullstein Bild

Westdeutsche Pharmakonzerne gaben in den 80er Jahren 165 Medikamentenstudien in der DDR in Auftrag. Viele der ostdeutschen Probanden waren offenbar ahnungslos. Doch wie nun mit diesen Erkenntnissen umgehen? Darüber herrscht Uneinigkeit.

Pharmaunternehmen aus der Bundesrepublik haben in den 1980er Jahren in großem Stil Arzneimittelstudien in der DDR durchführen lassen. Das geht aus Unterlagen des DDR-Gesundheitsministeriums hervor, die dem Tagesspiegel vorliegen. So sind in einer Liste mehr als 50 westliche Firmen aufgeführt, die in den Jahren 1983 bis 1989 insgesamt 165 Medikamentenstudien beim Ministerium für Gesundheitswesen der DDR in Auftrag gegeben haben. Für eine einzelne Studie wurden bis zu 860000 DM gezahlt.

Solche Tests sind in DDR-Krankenhäusern auch ohne Wissen der Patienten durchgeführt worden. Dem Tagesspiegel liegen Informationen über sieben Fälle vor, in denen Patienten angeben, damals keine Kenntnis davon gehabt zu haben, dass an ihnen Medikamente westlicher Pharmafirmen getestet wurden.

Über drei dieser Fälle hatte bereits der MDR in einer unlängst ausgestrahlten Dokumentation berichtet. In den Akten des Gesundheitsministeriums, in denen die Studien dokumentiert sind, sind keine Einwilligungserklärungen von Patienten vorhanden. Auf Nachfrage erklärten mehrere beteiligte Pharmafirmen lediglich, die Studien seien unter Einhaltung der damaligen Standards erfolgt. Diese schrieben in der Bundesrepublik wie auch in der DDR die Aufklärung und schriftliche Einwilligung der Probanden vor.

Inwieweit bundesdeutsche Behörden in die Vorgänge eingebunden waren, bleibt weithin unklar. Dieter Großklaus, ab 1985 Präsident des für die Zulassung von Arzneimitteln zuständigen Bundesgesundheitsamts, sagte dem Tagesspiegel: „Offiziell habe ich nichts von Pharmastudien in der DDR gewusst.“ Die damalige Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth hatte dem MDR ebenfalls gesagt, sie habe keine Kenntnis davon gehabt.

Politiker reagierten empört über die neuen Erkenntnisse. Arnold Vaatz, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, machte als „Hauptschuldigen“ die DDR-Obrigkeit aus. „Die wollten Geld verdienen, und das Politbüro der SED hat das ermöglicht“, sagte Vaatz dem Tagesspiegel. „Brutal und gewaltsam“ sei das Regime vorgegangen, ausschließlich am ökonomischen Nutzen orientiert. Es habe sich das „Recht angemaßt, über die Gesundheit völlig skrupellos zu verfügen.“ Für ihn passen die Neuigkeiten in eine Reihe mit den Geschäften um den Freikauf von Häftlingen und die „Nutzung“ von gedopten Sportlern zu propagandistischen Zwecken. Der frühere DDR-Bürgerrechtler bescheinigte aber auch den westdeutschen Pharmakonzernen „kriminelle Energie“, weil sie für ihre „Menschenversuche“ in die DDR ausgewichen seien. Auch ihre Beteiligung müsse sauber aufgeklärt, die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Das fordert auch der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn. Die Patienten seien von den DDR-Oberen rücksichtslos zum Geldverdienen ausgenutzt worden. Die Pharmakonzerne müssten die Vorgänge aus den 1980er Jahren aufklären. Linken-Fraktionsvize Dietmar Bartsch sagte: „Es war beidseitig menschenverachtend“ – von der Pharmaindustrie, wenn sie ihre Produkte an Menschen ohne deren Wissen und Einverständnis getestet habe, und von beiden Staaten, wenn sie dies zugelassen hätten.

Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt sprach von einem „besonders drastischen Fall von Skrupellosigkeit“. Devisen seien der DDR-Führung wichtiger gewesen als die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger, sagte die Bundestags-Vizepräsidentin. „Ohne Bedenken wurde deren Leben dafür aufs Spiel gesetzt.“ Die westdeutsche Pharmaindustrie habe genauso wenig Skrupel gekannt, „wenn durch Umgehung der Vorschriften die Gewinne gesteigert werden konnten“.

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